Das Mumienversteck von Deir el-Bahri

(erschienen in Kemet 02/06 "Deir el-Bahari")

Lage der "Cachette", im Vordergrund rechts die Rampe zum Tempel der Hatschepsut,
dahinter die Ruinen des Tempels von Mentuhotep Neb-hepet-Re; hinter dem ersten
Bergrücken befindet sich die Cachette.

„Im Sommer 1871“, schreibt Gaston Maspero, seit 1881 Direktor des ägyptischen Museums in Boulaq/Kairo und Chef des ägyptischen Antikendienstes, in „Lés momies royales de Déir el-Bahari“ im Jahre 1889, „entdeckte ein Araber aus Qurna (Theben-West) ein Grab, gefüllt mit wahllos übereinander gestapelten Särgen“. Es war der Fund der bis heute berühmten Familie Abderrassoul. Die Brüder Mohammed, Soliman und Ahmed Abderrassoul hatten damit das große Los gezogen und waren lange Zeit nicht gewillt, ihre Entdeckung preiszugeben. Das Grab war eine willkommene Einkommensquelle für die ganze Familie. In ihren von Zeit zu Zeit durchgeführten nächtlichen Beutezügen entnahmen sie ausgewählte Stücke und schleusten sie in den Antikenhandel.

Drei Jahre nach dem geheimen Fund, 1874, tauchten im Pariser Antikenhandel einige durch den Transport zwar sehr ramponierte, jedoch in bezauberndem Blau glasierte Figurinen auf, von denen Maspero eine zu Gesicht bekam. Sie trug eine Kartusche mit dem Thronnamen Cha-cheper-Re. Genaue Rückschlüsse konnte Maspero daraus nicht ziehen, denn dieser Thronname war von zwei ägyptischen Königen bekannt, von Sesostris II. (12. Dynastie) und Pinudjem I. (21. Dynastie, Hohepriester des Amun in Theben und „Titularkönig“). Im Frühjahr 1876 übergab der englische General Campbell Maspero ein in hieratischer Schrift abgefasstes Schriftstück mit der Erwähnung des Hohepriesters des Amun Pinudjem (Pinudjem II., 21. Dynastie), das er in Theben für 400 Pfund Sterling erworben hatte. 1877 zeigte Louis de Saulcy (französischer Museums-Kurator und Numismatiker) Maspero Fotos eines langen Papyrus der Königin Nodjmet (Gemahlin des Herihor, 21. Dynastie, Hohepriester des Amun in Theben und „Titularkönig“). Das Original sollte von einem syrischen Dragoman in Luxor erstanden worden sein. Auguste Mariette (Masperos Vorgänger im Amt) hatte bereits einen Papyrus gleicher Herkunft in Suez erworben, jedoch mit dem Namen der Hennutaui (Gemahlin des Pinudjem I.) versehen. 1878 stellte Rogers-Bey (Edward Thomas Rogers, britischer Diplomat und Sammler)  in Paris eine beschriftete Holztafel aus. Es handelte sich um ein Dekret des Gottes Amun zugunsten von Uschebtis, die mit der Neschons (Gemahlin des Pinudjem II.) bestattet worden waren. Zu diesem Zeitpunkt wurde klar, dass das Auftauchen all dieser Stücke innerhalb weniger Jahre kein Zufall sein konnte. Irgendwo in Theben musste ein Grab der 21. Dynastie gefunden worden sein, dessen Beigaben Stück für Stück illegal auf den Markt kamen. Nun nahm das Schicksal seinen Lauf. Maspero reiste im März/April 1881 zwecks Recherche nach Oberägypten, wobei er sich sehr wohl bewusst war, das es äußerst schwierig werden würde, die Verantwortlichen auszumachen. Langwierige Befragungen von Aufkäufern und europäischen Touristen brachten schließlich eine wichtige Erkenntnis: als Verkäufer von königlichen Artefakten tauchte hauptsächlich ein gewisser Mohammed Abderrasoul auf, sein Bruder Ahmed sowie Moustapha Agha Ayat, konsularischer Agent von England, Belgien und Russland, wobei Letzterer sich durch diplomatische Immunität einer etwaigen Strafverfolgung ohne weiteres entziehen konnte. Maspero zögerte noch einige Tage, entschied sich dann jedoch, drastische Maßnahmen einzuleiten. Am 4. April 1881 ließ er Ahmed Abderrassoul kurzerhand durch die lokale Polizei festnehmen. Gleichzeitig erbat er von Daud Pascha, dem Mudir (Gouverneur) von Qena, telegrafisch die Genehmigung zur umfassenden Vernehmung der einflussreichsten Einwohner des Dorfes Sheik Abd-el-Qurna. Ahmed Abderrassoul wurde in Begleitung von zwei Polizisten an Bord von Masperos Schiff gebracht. Da er selbst nur ungenügend Arabisch sprach, ließ er die Befragung des Delinquenten zunächst durch Emile Brugsch, Assistenz-Konservator am Museum von Boulaq, und später von de Rochemonteix, Unterverwalter der Commission des Domaines de L’État, in seinem Beisein durchführen. Ahmed bestritt alle ihm zur Last gelegten Vergehen. Er war weder mit Milde, noch unter Androhung von Gewalt oder mit Geldangeboten zur Zusammenarbeit zu bewegen. So wurden Ahmed und einer seiner Brüder, Hussein-Ahmed, am 6. April 1881 an den Mudir von Qena überstellt, wo ihnen der Prozess gemacht werden sollte. Maspero kehrte zurück nach Kairo und es dauerte noch über zwei Monate voller Intrigen und Querelen  zwischen den an den Grabräubereien Beteiligten, ehe am 25. Juni 1881 das erlösende Telegramm eintraf. Der Älteste der Abderrassoul-Brüder hatte sich besonnen und war intelligent genug, den Grabfund gegen den Willen seiner Brüder zu gestehen und dessen Lage preiszugeben. Die Quelle des Wohlstands war für die Abderrassouls ohnehin verloren.






Mumie des Ahmose*
Blumengirlande des Ahmose (Botanisches Museum Berlin)
Amenophis I.*
Mumie der Isisemcheb*
Mumie der Neschons*
* Quelle: Catalogue Général Antiquités Egyptiennes du Musée du Caire, 1915

Der Konservator des Boulaq-Museums Luigi Vassalli befand sich zu diesem Zeitpunkt in den Ferien und Maspero selbst war ebenfalls nicht in Ägypten; er war zur Regelung privater Angelegenheiten nach Frankreich gereist. So erteilte er Emile Brugsch den Auftrag, „alles Nötige zu veranlassen“. Brugsch machte sich am 1. Juli 1881 gemeinsam mit einer Delegation des Museums auf den Weg nach Oberägypten. Am 4. Juli 1881 erreichten sie Qena, wo Daud Pascha eine Überraschung für sie bereithielt. Aus einem Depot von Mohammed Abderrassoul waren diverse wertvolle Objekte ans Licht gekommen, so unter anderem vier Kanopen der Königin Ahmes-Nefertari (vergöttlichte Mutter von Amenophis I.) und drei Totenbuch-Papyri der Maatkare (Tochter von Pinudjem I.) und Isisemcheb (s.u.) sowie der Neschons (Gemahlin von Pinudjem II.). Am 6. Juli 1881 führte Mohammed Abderrassoul die Delegation schließlich zu dem geheimnisvollen Grab, das heute unter der Bezeichnung Cachette von Deir el-Bahri, DB320 oder TT320 bekannt ist. Die Brüder Abderrassoul hatten bereits über den Inhalt des Grabes berichtet. Mehr als dreißig Särge, größtenteils beschriftet,  seien dort gelagert, zusammen mit einer großen Menge an Statuetten und Alabaster. Darstellungen von Schlangen und anderen Ornamenten ließen keinen Zweifel, dass es sich um einen königlichen Platz handele. Trotzdem muss es Brugsch beim ersten Anblick nach dem Abseilen in den Grabschacht die Sprache verschlagen haben. In einem Interview im Jahre 1887 sagte er: „Bald trafen wir auf Kisten voller Grabbeigaben aus Porzellan, Gefäße aus Metall und Alabaster, Draperien und Geschmeide, bis an der Biegung des Ganges eine ganze Traube von Mumienbehältern in solcher Zahl in Sicht kam, dass mir der Atem stockte.“ Inzwischen ging wohl auch niemand mehr davon aus, dass es sich hier nur um ein Königsgrab der 21. Dynastie handelte. Es war ein Depot für die umgebetteten sterblichen Hüllen von Pharaonen des Neuen Reiches. „Et quels Pharaons!“ - und was für Pharaonen, schreibt Maspero. Die berühmtesten Regenten Ägyptens waren darunter: Seqenenre-Tao, Ahmose I., Thutmosis III., Sethos I., Ramses II. Die Brüder Abderrassoul hatten ihr Geheimnis bis dahin so gut bewahrt, dass selbst die Einwohner von Luxor und Qurna überrascht reagierten. Es war also nicht verwunderlich, dass die rege Geschäftigkeit der Europäer die Gerüchteküche der Gegend zum Brodeln brachte. Man sprach von Kisten voller Gold, von Ketten aus Diamanten und Rubinen. Vermutlich war Brugsch diese Unruhe sehr unbehaglich und er handelte schnell. In großer Eile wurden 200 Arbeiter versammelt, die bei der Bergung der rund 40 Sarkophage und etwa 6.000 sonstigen Artefakte helfen sollten. Innerhalb von 48 Stunden harter Arbeit war die Cachette geräumt und der Transportkonvoi schlängelte sich in Richtung Osten (Abb. rechts: zeitgenössische Illustration in der London News, 1882). Einige Sarkophage mussten wegen ihrer Größe von zwölf oder sogar sechzehn Männern getragen werden, die in der Hitze des Juli einen sieben- bis achtstündigen Weg durch die Thebaner Berge bis zum Nilufer zurücklegten. Gegen 11 Uhr am Abend waren Mumien, Särge und Mobiliar in Luxor angekommen und ordnungsgemäß in Segeltuch eingeschlagen. Drei Tage später machte die Menshiéh, das Museumsschiff, in Luxor fest, um die Artefakte aufzunehmen und nach Boulaq zu transportieren. Brugsch und Maspero hatten den Inhalt der Cachette in einer Blitzaktion in Sicherheit gebracht. Bis heute fehlt jedoch jegliche wissenschaftlich fundierte Dokumentation – ein nicht wieder gut zu machendes Versäumnis, das die moderne Wissenschaft in große Bedrängnis bringt. Ebenso wie Maspero seine „Momies royale“ publizierte auch Brugsch im Jahre 1889 seine Eindrücke über das ägyptologische Großereignis von 1881 in „La tente funéraire“. Auch diese Arbeit hinterlässt den Eindruck eines Gedächtnisprotokolls, denn die Maßangaben sind spärlich und widersprüchlich. Maspero gibt die Länge des Zugangsschachtes A mit 12 m an, Brugsch mit 11 m. Den sich von der Sohle des Schachtes in Richtung Osten öffnenden Gang B beschreibt Maspero mit einer Breite von 1,40 m und einer Höhe von 0,80 m, während Brugsch 1,40 x 1,15 m vermerkt. Die Länge des Ganges B bis zu seiner Wendung in Richtung Norden variiert bei beiden nur um 10 cm (7,40:7,50 m). Die Gesamtlänge des Ganges C/D/F variiert um 30 cm (61,80:61,50 m). Die Breite der östlich des Ganges befindlichen Nische E einschließlich der davor befindlichen Stufen benennt Maspero mit 7,80 m, Brugsch mit 7,30 m; zusätzlich existieren im Lageplan von Brugsch weitere zwei Stufen hinter der Nische. Dafür ist die Anzahl der Stufen vor der Nische bei Maspero mit 8, bei Brugsch nur mit 5 angegeben.

Lageskizze nach Maspero:


Lageskizze nach Brugsch:

Aktuelle Planaufnahme nach Graefe:


Die Nachuntersuchungen der Universität Münster

Diese und andere Ungereimtheiten veranlassten das Institut für Ägyptologie und Koptologie der Universität Münster und Professor Dr. Erhart Graefe, gemeinsam mit dem Department of Egyptology der Russian Academy of Science, Moskau, im Jahre 1998 zu einer Nachuntersuchung von DB/TT320. Als Folge der Untersuchungen waren diverse Korrekturen an den Lageplänen von Brugsch und Maspero anzubringen. So ist Gang B als absteigend mit eingearbeiteten Stufen erkannt worden. Masperos Höhe von 0,80 m muss wohl in 1,80 m umgewandelt werden (wahrscheinlich ein Schreibfehler in Masperos Manuskript); durch die Neigung des Ganges kann die Höhe jedoch keine statische Größe sein. Eine Nachmessung der seitlichen Nische brachte ebenfalls ein überraschendes Ergebnis. Maspero maß eine Länge von 3 m, die jedoch nur an der Decke der Nische gemessen worden sein kann, und das obwohl Brugsch die Beschaffenheit der Decke ausdrücklich als morsch bezeichnete. Der Boden ist in Stufen in Richtung Rückwand abgetragen worden und der Vortrieb war in der linken hinteren Ecke weiter fortgeschritten als rechts. Die Nischenhöhe beträgt über der hintersten Stufe nur noch 0,70 m. Es ist unmöglich, dass der Sarg der Ahmes-Nefertari (Länge 3,78 m) wie angegeben dort gelagert war. Innerhalb der Nische sollen 5 (oder sogar 24) Särge Platz gefunden haben, was sich ebenfalls als unrealistisch erweist. Die Nische selbst darf als nicht fertig gestellte Graberweiterung angesehen werden. Auch die Grabkammer G, von Maspero als 5 m hoch  angegeben, misst tatsächlich nur eine Höhe von etwa 2 m. Die Grabkammer verfügt hinten und rechts über „Bänke“, d.h. stehen gebliebenes anstehendes Gestein. Offensichtlich war dies weder von Maspero noch von Brugsch bemerkt worden. Jedenfalls ist in den seinerzeit angefertigten Lageskizzen nichts Derartiges angedeutet. Diese Absätze sind Überbleibsel von der Anlage der Kammer. Auf der linken Seite fehlt der mittlere Teil, der bereits abgeschlagen worden war, während der Rest wohl nicht mehr weiterbearbeitet werden konnte.  Die Grabkammer war demzufolge nicht vollendet worden. Während der bisherigen Kampagnen fand das Team von Erhart Graefe noch Unmengen an Gegenständen bzw. Fragmenten, obwohl Maspero und Brugsch im Januar 1882 eine Nachinspektion vorgenommen hatten. Einige Fundstücke deuten darauf hin, dass die ungeschützten Särge beim Ausräumen der Cachette an Seilen hinaufgezogen wurden und hin und her pendelnd gegen die Schachtwände stießen. Dabei brachen wahrscheinlich immer wieder Fragmente ab, die später nicht eingesammelt wurden. Man stieß auch auf Spuren von mutwilliger Zerstörung. Ein abgesplittertes stuckiertes Stück Holz mit Goldresten war offensichtlich mit einer Axt o.ä. traktiert worden. Ein grüner Lederstreifen fand sich in der Grabkammer. Er wird als Hinweis dafür angesehen, dass das Bestattungszelt der Isisemcheb  ursprünglich ebendort zusammengefaltet abgelegt worden war. Brugsch allerdings, der den Fund des Zeltes sehr ausführlich und malerisch in „La tente funéraire“ beschreibt, möchte es in einer Vertiefung direkt am Ende des nach Osten führenden Ganges, also relativ nah am Eingang, gefunden haben. Bei einer Überprüfung der Mauern sei er dort auf eine zunächst undefinierbare Masse gestoßen, die sich als zusammengefaltetes, reich coloriertes Begräbniszelt erwies. Er identifizierte das Material als Ziegenleder, das auch nach einer so langen Zeit noch sehr weich und biegsam gewesen sei. Das Zelt, dessen Größe er mit 2,80 x 2,40 m angibt bei einer Höhe von 2,16 m, trug links und rechts Inschriften, so dass es eindeutig Isisemcheb (eventuell Tochter des Masaharta, Sohn des Pinudjem I.) zugeordnet werden konnte. Isisemcheb wird in den Inschriften als „Tochter des Hohepriesters des Amun“ bezeichnet. Die bisherigen Ergebnisse der Graefe-Mission liegen zur Zeit nur in vorläufigen Publikationen vor. Es bleibt zu hoffen, dass die Untersuchungen trotz teilweise lebensgefährlichen Einsatzes (das Gestein der Cachette ist sehr brüchig und porös) fortgesetzt werden können, um die Erkenntnisse weiter zu vervollständigen.

 Der qAy der Inhapi

Ein nach wie vor ungeklärter Punkt ist die Datierung der Cachette, also wann und für wen das Grab ursprünglich  angelegt wurde, bevor es als Unterschlupf und Schutz vor Grabräubern für königliche und andere Mumien diente. Als die Mumien aufgefunden wurden, lagen sie teilweise in ihren eigenen, größtenteils jedoch in fremden, wieder verwendeten Särgen. Die teilweise mehrfachen Umbettungsaktionen wurden auf Schildern (Dockets) oder direkt auf den Mumienbinden vermerkt. Auch überlieferte Papyri geben Auskunft über die Abläufe. Einige Bespiele: 

Jahr 1 Ramses IX. (~ 1127 – 1104 v. Chr.)

Die Gräber Ramses’ II. und Sethos I. wurden geplündert (Pap. Mayer)

Jahr 16 Ramses IX.

Eine Inspektion der Gräber Amenophis’ I. und Seqenenre-Tao fand diese unberührt (Pap. Abbott)

Jahr 6 Herihor (~ 1075 – 1069 v. Chr.)

Erneuern der Begräbnisstätten Ramses’ I., Sethos’ I. und Ramses’ II. Sie wurden wieder bestattet – in ihren eigenen Gräbern.

Jahr 1 Smendes/Pinodjem I. (~ 1069 – 1026 v. Chr.)

Nodjmet wird in das Grab Sethos’ I. verbracht, das vermutlich vorübergehend als „Werkstatt“ diente.

Jahr 6 und 16 Smendes/Pnodjem I.

Amenophis I. wird zweimal wiederbestattet, u.a. im qAy der Inhapi, einem bisher nicht identifizierten Ort. Bei späteren (Wieder)bestattungen anderer Personen in der Cachette taucht in diesem Zusammenhang die Bezeichnung „am königlichen Platz, wo Amenophis liegt“ auf.

Jahr 10 Smendes/Pinodjem I.

Sethos I. wird neu gewickelt

Jahr 15 Smendes/Pinodjem I

            Ramses II. wird ins Grab Sethos I. verbracht 

Neben dem Grab Sethos’ I. scheinen noch verschiedene andere Orte als Werkstatt gedient zu haben. Die Mumie Ramses III. wurde während der Regierungszeit von Smendes/Pinudjem I. mehrfach neu gewickelt. Auf den Mumienbinden taucht als Ort eine Bezeichnung für den Totentempel Ramses’ III., Medinet Habu, auf (so Galina A. Belova). Im Text  aus Jahr 13 werden als Ausführende der Vorsteher der Tempelschreiber Djesersuchons und der Schreiber der Nekropole Butehamun genannt (s. Reeves „Valley of the Kings“, 235). Das Haus des Butehamun befand sich bekanntlich auf dem Tempelgelände von Medinet Habu. Das Grab 49 im Tal der Könige (Besitzer unbekannt) trägt am Eingang zwei Grafitti. Der Text handelt von der Einlagerung von 70 Mumienbinden und anderen Leinenobjekten zu zwei verschiedenen Anlässen (ders., 230). Die Annahme, dass dieses Grab ebenfalls als Restaurierungswerkstatt diente, ist nicht von der Hand zu weisen.

Als qAy der Inhapi (Gemahlin des Seqenenre-Tao, 2. Zwischenzeit) und „königlicher Platz, wo Amenophis liegt“ wurde lange Zeit die Cachette DB/TT 320 angesehen; die Mumie Amenophis’ I. wurde jedenfalls dort vorgefunden. Folgt man dieser Annahme, dann wäre das Grab bereits in der frühen 18. Dynastie angelegt worden. Mit dem qAy (hochgelegener/hoher Ort) könnte wegen ihrer Höhe, wie Elizabeth Thomas  konstatiert, die Kammer E in der Cachette bezeichnet worden sein, jedoch belegt die moderne Nachuntersuchung, dass diese Kammer alles andere als hoch ist. Die Mumie der Inhapi wurde in der Tat in der Cachette aufgefunden. Sie befand sich jedoch im Sarg der Amme Rai, der unmittelbar am Zugang auf den Stufen des absteigenden Korridors A stand. Auch deshalb erscheint es unwahrscheinlich, dass die Cachette für Inhapi angelegt worden war. Ein weiterer möglicher Platz für den qAy der Inhapi könnte das Grab WN A (siehe Abb. rechts: Lageplan nach Porter& Moss) hoch in den Felsen ganz in der Nähe von Deir el-Bahri sein. Eine weitere Hypothese hat Erhart Graefe in die Diskussion eingebracht (SÄK 2005). Nach seiner Auffassung ist qAy nicht als „hochgelegener Ort“, sondern als „Hügel“ zu lesen. Er sieht in diesem „Hügel“ die Nekropole in Dra Abu l’Naga – u.a. auch Begräbnisort von Seqenenre-Tao und Amenophis I. - und das Grab des Letzteren als Zwischenlager für die Königsmumien. Man kann also daraus die - nach wie vor nicht eindeutig bewiesene - Schlussfolgerung ziehen, dass die Cachette erst in der 21. Dynastie für die Familie der Hohepriester des Amun angelegt wurde; denkbar ist auch die Erstbelegung des bereits vorhandenen aber wegen seiner Brüchigkeit einst aufgegebenen Grabes. Für die Erstbelegung in der 21. Dynastie sprechen mehrere Indizien. Die weit hinten gelegene Grabkammer G enthielt die Familienbestattungen des Hohepriester des Amun Pinudjem II. Das erste dort beigesetzte Familienmitglied dürfte die jung verstorbene Neschons gewesen sein, fünf Jahre später gefolgt von ihrem Gemahl. Am Eingang der Cachette befindet sich ein Graffito aus dem Jahr 10 des Siamun (6. König der 21. Dynastie):

„Jahr 10, 4 prt 20. Tag der Bestattung des Osiris, des Hohepriesters des Amun-Re - König der Götter, Obervorsteher der Armee, des Anführers/Ersten Pinudjem, durch den Gottesvater des Amun und Aufseher des Schatzhauses, Djedchonsiuefanch, den Gottesvater des Amun, Armeeschreiber und Oberinspektor Nespakashuty, den Priester des Amun […]enamun, den Gottesvater des Amun Wennufer, durch den königlichen Nekropolenschreiben Bakenmut, den Vorsteher der Arbeiten Pediamun, den Vorsteher der Arbeiten Amenmose, den Gottesvater des Amun und Vorsteher der Geheimnisse Pediamun, Sohn des Anchefenchons.“

(Quelle: Reeves, Valley of the Kings, 1990, Originaltext in englischer Sprache)

Man kann demzufolge wohl davon ausgehen, dass es sich bei der Cachette DB/TT320 um eine ursprüngliche Begräbnisstätte der 21. Dynastie handelt und dass die Bezeichnung „Platz wo Amenophis liegt“ nicht mit dem qAy der Inhapi in Zusammenhang gebracht werden kann. Der Hinweis auf den seit langem vergöttlichten Amenophis könnte bedeuten, dass dieser König der erste war, der in der Cachette zur (aller)letzten Ruhe gebettet wurde, möglicherweise noch vor den Familienmitgliedern des Pinudjem II.

Wahrscheinliche Belegung der Cachette bei ihrer Entdeckung


Nachstehende Tabelle zeigt die Mumien/Särge/Sonstiges der Personen, die von Brugsch im Jahre 1881 aus der Cachette geräumt wurden. Die Buchstaben geben die Fundorte an und korrespondieren mit dem obigen Schema sowie mit den Lageplänen von Maspero, Brugsch und Graefe (x = genaue Position unbekannt)

 

Name

Status

Dynastie

Mumie

Sarg

Sonstiges

Bemerkungen

1

Aa-hotep

Gemahlin Seqenenre Tao

17

 

E

 

enthielt Mumie Pinodjems I.

2

Ahmose Henut-tem-pet

Tochter Seqenenre Tao + Aa-hotep

17

 

x

 

 

3

Ahmose Henutti-mehu

Tochter Seqenenre-Tao + Inhapi

17

x

x

 

 

4

Ahmose Inhapi (Ti-net-Hapi)

Gemahlin  Seqenenre Tao

17

B

 

 

Mumie im Sarg Rai

5

Ahmose Merit-Amun

Tochter Seqenenre Tao + Aa-hotep

17

x

 

 

Mumie im Sarg Seniu

6

Ahmose Nefertari

Gemahlin Ahmose, Mutter Amen-hotep I.

17/18

E?

E

4 Kanopen

Sarg enthielt auch Mumie Ramses’ III.

7

Sipair

Sohn Seqenenre Tao

17

x

x

 

Sarg mit dem des anonymen Kindes identisch?

8

Sit-kamose (Sat-Kamose)

evtl. Tochter Teti-scheri

17

x

 

 

Mumie im Sarg des Pedi-Amun

9

Ahmose I.

König

17

E

E

 

 

10

Amen-hotep I.

König

18

C

C/E?

 

Ursprünglicher Sarginhaber Djehuty-mose

11

Baket

?

19

x

x

 

 

12

Djed-Ptah-iu-f-anch

2. oder 3. Prophet des Amun-Re, Königssohn

21

G

G

3 Uschebtikästen, Osirisfigur, Papyrus

 

13

Hat-schepsut

Königin

18

 

 

Holzkasten mit mumifizierter Leber oder Milz

 

14

Henut-taui

Gemahlin Pinudjem I.

 

B

B

2 Uschebtikästen, Osirisfigur, Papyrus, Kanopen

Innen- und Außensarg, Außendeckel fehlt

15

Isis-em-cheb

evtl. Tochter Masaharta, Gemahlin Pinudjem II.

21

G?

G?

Lederzelt, Ständer mit 4 Kupferkrügen, Uschebtikasten (zerbr.), Osirisfigur, Papyrus, Kanopen

 

16

Maat-ka-Re

Tochter Pinudjem I. + Hennut-taui, Gottes-gemahlin des Amun

21

G?

G?

2 Uschebtikästen, Osirisfigur, Papyrus, Affenmumie

 

17

Masaharta

Sohn Pinudjem I.

21

G?

G?

Lederzeltfragmente?

 

18

Meri-mose

Vizekönig von Kusch

18

 

 

Kalzit-Kanopen mit Holzdeckel

 

19

Neb-seni

Wab-Priester /Schreiber

18

B?

B

 

 

20

Nes-Chons

Gemahlin Pinudjem II.

21

G

G

Kanopen, Kupferkrüge, Korb mit Glas-/Fayencekrügen, Uschebitkasten, Osirisfigur, Papyrus, Dekret

Ein Sarg enthielt Mumie Ramses’ IX.

21

Nes-ta-neb-aschru

Tochter Pinudjem II. und Nes-Chons, evtl. Gemahlin Djed-Ptah-iu-f-anch

21

G

G

Kupferkrüge, Uschebtikasten (zerbr.), Osirisfigur, Papyrus, Kanopen

 

22

Nedjemet

Gemahlin des Heri-Hor

21

x

x

Hölzerner Kanopenkasten, Osirisfigur, Papyrus

 

23

Paheri-pedjet

Diener am Platz der Wahrheit (Nekropolen-arbeiter)

20

 

x

 

Enthielt Mumie Rai

24

Pedi-Amun

?

21

 

x

 

Enthielt Mumie Sat-kamose

25

Pinodjem I.

Hohepriester des Amun, Titularkönig

21

E

C

2 Uschebtikästen

Särge von Thutmosis I. usurpiert

26

Pinodjem II.

Hohepriester des Amun

21

G

G

2 (?) Uschebtikästen, Osirisfigur, Papyrus, Kanopen (?)

 

27

Rai

Amme der Ahmose Nefertari

17/18

x

B

 

 

28

Ramses I.

König

19

 

C?

 

Enthielt Mumie einer Unbekannten (Teti-scheri?); mögl. Mumie des Königs jetzt im Luxor-Museum nach Rückführung aus Atlanta

29

Ramses II.

König

19

E?

E?

 

 

30

Ramses III.

König

20

E

E

 

 

31

Ramses IX.

König

20

G?

 

Kasten mit Elfenbeineinlage

Mumie in einem der Särge Nes-Chons

32

Seniu

Oberdomänenverwalter der Gottesgemahlinnen des Amun

21

 

x

 

Enthielt Mumie der Merit-Amun

33

Seqenenre Tao

König

17

E

E

 

 

34

Sethos I.

König

19

B

B

 

 

35

Siamun

Sohn Ahmose + Ahmose Nefertari

17./18.

E

E

 

 

36

Siese

königlicher Schreiber

?

 

 

Kanopenkrug

 

37

Sat-Amun

Tochter Ahmose + Ahmose Nefertari

17/18

x

x

 

 

38

Suty-mose (Djehuty-mose)

Sängerin der Ahmose Nefertari

?

 

 

Kanopensärgchen

 

39

Tau-heret

Erste des Harims des Amun-Re

21

G?

G?

Uschebtikasten (zerbrochen)

 

40

Teti-scheri

Mutter Seqenenre Tao

17

 

 

Mumienbinden

 

41

Thutmosis I.

König

18

C

 

 

Mumie im Sarg Pinudjems I.

42

Thutmosis II.

König

18

C

C

 

 

43

Thutmosis III.

König

18

E?

E?

 

 

44

Wep-mose

königlicher Schreiber

?

 

 

Kanopenkrug

 

45

Wep-wawet-mose

Bevollmächtigter der Armee

?

 

 

Kanopenkrug

 

+ 8 anonyme Mumien bzw. Särge

Tabelle nach „Das Tal der Könige“ (Reeves/Wilkinson), „Valley of the Kings“ (Reeves), Porter & Moss, „Royal Families“ (Dodson)

Gitta Warnemünde

Verwendete Literatur:

Reeves N./Wilkinson, R.H.

Das Tal der Könige, 1996

Dodson, A./Hilton, D.

The Complete Royal Families, 2004

Reeves, N.

Valley of the Kings, 1990

Ikram, S./Dodson, A.

Royal Mummies in the Egyptian Museum, 1997

Belova, G.A.

in “Egyptology at the Dawn of the 21. Century”, 2000

Maspero, G.

Les momies royal de Déir el-Bahari, 1889

Brugsch, E.

La tente funéraire, 1889

Porter, B./Moss, R.L.B.

The Theban Necropolis, Part 2, 1964

Graefe, E.

in MDAIK Band 56, 2000

Graefe, E.

http://www.uni-muenster.de/Philologie/Iaek/fo.html#P1

Graefe, E.

in KMT 3/2004

Smith, G.E.

Catalogue Général Antiquités Egyptiennes du Musée du Caire, 1915

Graefe, E.

SÄK 2005