Die Demokratisierung des Totenglaubens: der Osiris-Kult

(erschienen in Kemet 01/05 "Von Unas bis Pepi")

 
„Es ist hier also wieder einmal das geschehen, was wir so oft beobachten können: was einst nur dem König zustand, haben sich allmählich die Untertanen angemaßt. Wie sie in den Gerätefriesen ihrer Särge eine königliche Grabausrüstung für sich beanspruchten, haben sie sich auch die alten Königstotentexte angemaßt und nennen sich, was eigentlich nur beim König Sinn hatte, Osiris.“ Mit diesen Worten und vermutlich ganz im Geiste seiner Zeit urteilte ein offensichtlich indignierter Kurt Sethe (Die Altaegyptischen Pyramidentexte, Leipzig, 1908) über die sich zum Ende des Alten Reichs wandelnden Bestattungssitten jenseits der königlichen Grabmäler. In Werken der modernen Ägyptologie wird dieses Phänomen gelegentlich gern - nicht weniger zeitgenössisch - als Demokratisierung bezeichnet. 

Grabanlagen als Zeitzeugen 

Als älteste schriftliche Überlieferung ägyptischer Totenliteratur gelten 4.300 Jahre alte Texte, die Unas, der letzte König der 5. Dynastie, an die Wände der Kammern seiner Pyramide hat meißeln lassen, die sogenannten Pyramidentexte (Foto).  Seinem Beispiel folgten noch einige nach ihm regierende Könige. Und da wohl nicht davon ausgegangen werden kann, dass ein so gewaltiger Textkorpus aus dem Nichts entstanden ist, dürften die Inhalte älteren Usprungs sein. Wenn auch bisher keine eindeutigen Belege dafür vorhanden sind, so könnte doch der Text auf Papyrus-Fragmenten, die vor nicht allzu langer Zeit in der Nähe der Pyramide von Pepi I., 6. Dynastie, gefunden worden sind, zumindest als Hinweis auf schriftliche Überlieferung gedeutet werden. Die bislang jüngste Verwendung fanden Pyramidentexte in der Begräbnisstätte des wenig bekannten Ibi Qakare, 14. König der 8. Dynastie. Etwa seit der Zeit Pepi’s I. waren die Texte nicht mehr ganz ausschließlich dem König vorbehalten; einigen Königinnen war scheinbar zugestanden worden, sich ihrer ebenfalls zu bedienen. 

Die Grabkammern in den Privatgräbern dieser Epoche waren noch weitgehend undekoriert. Inschriften und Darstellungen waren oberirdisch angebracht und ihr Inhalt beschränkte sich auf Titulaturen, Privilegien und Szenen des täglichen Lebens. Auch autobiografische Inhalte lassen sich herauslesen, wie zum Beispiel im Falle des Kaemtenenet aus der Zeit des Asosi (Djedkare), 5. Dynastie, der in seinem Grab über eine erfolgreiche Tempelplanung berichtet.  Innovativ war dagegen der ebenfalls dem Asosi dienende Wesir und Oberbaumeister Senedjemibinti. Auf der Ostwand seiner Grabkammer findet sich auf weißem Untergrund eine mit schwarzer Tusche geschriebene Opferliste. Mit Beginn der 6. Dynastie folgten noch weitere bedeutende nichtkönigliche Personen diesem Beispiel. Die Wesire Kagemni, Mereruka, Anchmahor und Chentika ließen in ihren Grabkammern bildliche Darstellungen von Opfergaben anbringen. Im Grab des Anchmahor findet sich ein reich gedeckter Speisetisch mit – leerem – Stuhl. Die bildliche Darstellung und aus ägyptischer Sicht folgliche Anwesenheit von menschlichen Wesen innerhalb der Grabkammern wurde in den Elitegräbern von Sakkara augenscheinlich ebenso peinlich vermieden wie in den Hieroglyphen der Pyramidentexte, während sich in Giza einige wenige Beispiele von Opfertischszenen befinden, die auch den Grabherrn zeigen. Die Kultivierung der Mumifizierung führte - vorerst wohl noch  ausschließlich bei königlichen Bestattungen - dazu, die Eingeweide voneinander getrennt zu balsamieren und zunächst in Grabnischen, dann in viergeteilten Behältnissen (Kanopenkästen) und später dann in Einzelgefäßen (Kanopen) abzulegen. Der früheste bisher gefundene Kanopenkasten gehörte der Mutter des Chufu, der Königin Hetepheres. Nach den Untersuchungsergebnissen kann man mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass die Objekte auch tatsächlich zweckdienlich benutzt worden waren. Anders verhielt es sich in Privatgräbern. Auch hier sind Kanopen bereits von der 5. Dynastie an bekannt, jedoch scheinen diese ohne jeglichen Inhalt gewesen zu sein. Jedenfalls wurden keine entsprechenden Hinweise gefunden. Man kann also davon ausgehen, dass Eingeweidegefäße in diesen Fällen rein symbolischen Charakter hatten. Ob hier ein Nachahmungseffekt zum Tragen kam oder ob auch ökonomische Gründe eine Rolle spielten – sicher hatte eine sorgfältig durchgeführte Balsamierung ihren Preis -, muss fraglich bleiben. 

Die Inschriften und Dekorationen früher Privatgräber hatten, abgesehen von dem Wunsch nach jenseitiger Versorgung, noch wenig gemein mit den Texten, die dem König zum Eintritt in Unendlichkeit und Ewigkeit verhalfen. Dies änderte sich jedoch in der Ersten Zwischenzeit. Aus dieser Zeit stammen Grabinschriften, deren Inhalte sich schon behutsam den Pyramidentexten annähern. Es handelt sich um frühe Versionen der so genannten Sargtexte. Der bedeutendere Teil der Sargtexte taucht jedoch erst nach dem Eintritt ins Mittlere Reich auf, also nach der erneuten Reichseinigung, die die Chronisten Mentuhotep II. zuschreiben. Während sich die Elite des Alten Reichs mit ihren Gräbern noch hauptsächlich um die letzte Ruhestätte der Könige scharte, ließen sich nun die durch Machtzuwachs erstarkten Gaufürsten zunehmend in der Provinz bestatten und zogen auch die Mitglieder der provinziellen Oberschicht in ihre Nekropole. Die Gräber sind zum Teil von beträchtlicher Größe und - ausgestattet mit Portikusfronten und Pfeilerhallen - auch architektonisch äußerst qualitätvoll (Foto: Grab des Sarenput, Aswan). Berühmte Beispiele sind die Gräber der 12. Dynastie in Beni Hasan. Auch in anderen Teilen des Landes finden wir allerorten Gaufürstengräber aus dieser Epoche, so in Aswan, in el-Moalla, in Assiut und in Deir el-Bersha, um nur einige zu nennen. Die in diesen Nekropolen zu Tage geförderten Holzsärge sind im Inneren zum Teil dicht an dicht mit Sprüchen beschriftet, den Sargtexten, der ersten nichtköniglichen Totenliteratur, die diesen Namen verdient. Diese Sammlung magischer Sprüche war niedergeschrieben worden, um von nun an jedem Verstorbenen den Weg in die Verklärung zu ebnen und den Eintritt in das Jenseits zu ermöglichen „in seiner Gestalt eines göttlichen Verklärten, nachdem er sich alle Ach-Mächtigkeiten erworben hat“, wie in einem Spruch (CT30) zu lesen ist. Im gleichen Spruch heißt es auch: „Willkommen in Frieden, junger Gott, den der Schöne Westen geboren hat! Du bist heute aus dem Land des Lebens gekommen, nachdem du deinen Staub von dir abgeschüttelt hast und nachdem du deinen Leib gefüllt hast mit Zauberkraft. Das sind deutliche Anklänge an die Pyramidentexte, denn  auch dort, im so genannten Kannibalenspruch, verleibt sich der König sehr drastisch Ach-Mächtigkeit und Zauberkraft ein. Im Gegensatz zu den in der dritten Person verfassten Pyramidentexten ist ein großer Teil der Sargtexte in der ersten Person abgefasst. Heißt es in den Pyramidentexten in Bezug auf den König noch „Er fliegt davon als Nilgans“ (PT366), so klingt ein häufig belegter vergleichbarer Spruch der Sargtexte weit weniger subtil: „Ich werde auffliegen als Falke, ich werde schnattern als Nilgans, und ich werde die Ewigkeit verbringen wie Nehebkau“ (CT335).  Diverse Sprüche der Sargtexte erweisen sich sogar als identisch mit denen der Pyramidentexte. Mit der Verwendung magischer Sätze, deren ursprünglicher Sinn uns teilweise bis heute verschlossen geblieben ist, war also die noch im Alten Reich ausschließlich dem König mögliche Weiterexistenz im Jenseits auf alle Menschen übergegangen. Es scheint außerdem so, als sei das jenseitige Sicherheitsbedürfnis in dieser Zeit besonders ausgeprägt. Neben tief in den Fels geschlagenen Gräbern und aufwändigen unterirdischen Anlagen zeigen dies auch die Texte. Verschiedene Sprüche der Sargtexte erscheinen mancherorts gleich in mehrfacher Ausführung und in den verwendeten Hieroglyphen werden Zeichen, die Gefahren bergen könnten, durch Verstümmelung unschädlich gemacht, wie zum Beispiel hier (Foto) das Einkonsonantenzeichen f, eine Hornviper mit durchschnittener Kehle. Selbst die Holzzapfen, mit denen die einzelnen Sargteile verbunden waren, versah man ganz gezielt mit magischem Text. Und in der Tat findet man die von Sethe monierte „königliche Grabausrüstung“ an den Innenwänden der Holzsärge wieder. Der Tote wünschte sich – so hat es den Anschein – im Jenseits eine prunkvolle Existenz, in der sogar königliche Insignien wie Krummstab, Geißel und Was-Szepter eine Rolle spielen konnten. 


Wunschausstattung im Sarg des Nacht (Museums Hildesheim)

Die Bodenplatten der Holzsärge des Mittleren Reichs aus Deir el-Bersha sind eine weitere Besonderheit aus dieser Zeit. Sie zeigen eine Landkarte, das so genannte Zweiwegebuch. Man erkennt die bildhafte Darstellung einer Jenseitswelt, die vom einem Wasser- und einem Landweg dominiert wird. Die Wege sind gegenläufig und wohl von hohen Mauern umgeben. Beim Durchschreiten sind mit Hilfe der beigefügten Texte verschiedene von Dämonen bewachte Stationen zu passieren. Der Landweg könnte als eine Beschreibung des nächtlichen  Sonnenlaufs angesehen werden, der mit dem morgendlichen Aufgang endet. Die Begleitung des Re über dessen Nachtfahrt hinaus ist dem verklärten Toten jedoch hier offensichtlich noch nicht möglich. Er setzt seinen Weg in die Gegenrichtung auf dem Wasserwege fort, wo er schließlich seine Jenseitsexistenz in der Nekropole des Osiris findet, in Rasetau (rA-sTAw). Dieser Ablauf der unterweltlichen Wanderung wurde erst kürzlich nach einer Neubearbeitung der Texte von Ursula Rößler-Köhler vorgestellt (Göttinger Miszellen, 192).  So wie es sich bei den Sargtexten um die Vorläufer der späteren Totenbuchpapyri handelt, könnte das Zweiwegebuch eine frühe Version der Jenseitsführer (Amduat, Pfortenbuch, Höhlenbuch) des Neuen Reichs sein.


Sargboden mit Zweiwegebuch (Museum Berlin)

Osiris: Vom Königs- zum Volksgott 

Mit Hilfe der Pyramidentexte des Alten Reichs erfährt der verstorbene König seine Transformation und Auferstehung. Die einzelnen Sprüche – von innen nach außen lesbar angebracht – begleiten ihn aus seinem Grab und er kann sich aufschwingen gen Himmel, um sich dort mit „denen, welche nicht untergehen“, den Zircumpolarsternen, zu vereinigen. Seine Macht in diesen Sphären wird ihm ebenfalls stellar verliehen: „Ihm wurde gegeben eine Urkunde als gewaltige Macht, von Orion, dem Vater der Götter“ (PT408). Doch ungeachtet des Strebens nach himmlischer Ewigkeit und Unendlichkeit tritt schon in den Pyramidentexten der Gott Osiris in verschiedenen Zusammenhängen mehrfach in Erscheinung. Der historische Ursprung des Osiris lässt sich nicht eindeutig bestimmen; er liegt im Dunkel der Geschichte. Einer seiner wichtigsten Beinamen, „Herr von Busiris“ (nb Ddw), wurde zum Anlass genommen, in ihm die Verschmelzung mit Anedjti (anDtj) zu sehen, einem alten Ortsgott des 9. unterägyptischen Gaus mit der Hauptstadt Busiris (Ddw). Seine Insignien sind denen des Osiris gleich (Atef-Krone, Krummstab, Geißel) und im Tempel Sethos’ I. in Abydos ist der König beim Weihrauchopfer vor Osiris-Anedjti dargestellt. Die chthonischen Züge des Osiris mögen Resultate einer frühen Gleichsetzung sein mit Wasser (Mercer/PT589a), mit Nilflut und Überschwemmung (Mercer/PT2111) und – so könnte man es deuten - wohl auch mit Vegetation  „Deine beiden Schwestern kommen zu dir. Sie preisen dich: vollständig und groß als Großer Schwarzer, frisch und groß als Großer Grüner“ (Mercer/PT628). In diesem Pyramidenspruch wird nicht etwa der Gott selbst angerufen, sondern der zu Osiris gewordene König.  Hier ist also die Gleichsetzung des verstorbenen Königs mit dem erdverbundenen Osiris ziemlich klar zu erkennen. Und sofern man diese Interpretation wagen möchte, schimmert in den Pyramidentexten auch bereits der Zwist zwischen Osiris und Seth durch, wie ein Textbeispiel aus der Pyramide des Unas zeigt: „Seth, dieser dein Bruder ist hier, Osiris, der als Lebender erhalten ist und der lebt, damit er dich bestrafen kann. Er lebt! Dieser Unas lebt! Er ist nicht tot, dieser Unas ist nicht tot! Er ist nicht untergegangen, dieser Unas ist nicht untergegangen. Er wurde nicht gerichtet, dieser Unas wurde nicht gerichtet! Er richtet, dieser Unas richtet!“ (PT174).  Der vorhergehende Spruch 173 richtet sich an Isis, die „ihren Bruder am Leben erhalten hat“. Die eigentliche Osiriswerdung des verstorbenen Königs spiegelt sich im Grunde vielfältig in den Sprüchen wieder, die sich mit „Osiris“ einleiten, gefolgt von dem jeweiligen Königsnamen. So etwa Spruch 38, die Mundöffnung: „Osiris Unas, ich öffne für dich deinen Mund! Das göttliche Metall aus dem Süden und Norden“. Alle Bezüge auf den jenseitigen Osiris werden in der 5. und 6. Dynastie jedoch noch ausschließlich in Verbindung mit dem Heimgang des Königs angetroffen. 

Interessant in diesem Zusammenhang ist aber das Erscheinen des Osiris im nichtköniglichen funerären Zusammenhang. Im späten Alten Reich wird er erstmalig in der Einleitung von Opferformeln genannt. So heißt es am äußeren Architrav des  Grabes der Hentira in Giza, das auf die 4. oder 5. Dynastie datiert wird, „Ein Opfer, das der König gibt (und) ein Opfer, das Anubis, Herr der westlichen Nekropole und der Balsamierungshalle, gibt (und) ein Opfer, das Osiris gibt“, gefolgt von der Bitte um Bestattung und Opferritual.  Die Nennung des Osiris an dritter Stelle ist nur selten belegt. Häufiger erscheint jedoch schon die Opferformel als „Ein Opfer, das der König gibt (und) Osiris (als nTr aA = großer Gott)“, gefolgt von der Bitte um das Opferritual. Im Grab des Ptahhotep in Sakkara aus der 5. Dynastie begegnet uns Osiris auf einem Relief in der Beischrift über einem Schrein: „in Frieden, in Frieden, bei Osiris“. Aus den Bootsdarstellungen und den dazu gehörigen Textsequenzen, in denen vom „Gehen zum Westen“ die Rede ist, ergibt sich eine Szene, in der das Überqueren des Wrt“-Kanals dargestellt wird, also der Transport des Begräbniszuges. Es ist also keineswegs so, dass Osiris in den Privatgräber des Alten Reichs überhaupt nicht in Erscheinung tritt. Die eigentliche Hinwendung zur Gottes-Identifizierung eines jeden Verstorbenen, ob königlich oder nichtköniglich, vollzieht sich jedoch erst in der Zeit des Übergangs zum Mittleren Reich und massiv im Mittleren Reich selbst mit der Anbringung der Sargtexte. Sargtext-Spruch 4 zum Beispiel dokumentiert dies recht deutlich, denn er gehört zu denen, die wie in den Pyramidentexten mit dem Namen des Osiris eingeleitet werden, gefolgt vom Namen des Verstorbenen: „Osiris NN, möge die Erde ihren Schlund für dich öffnen, möge Geb dir seine Kiefer über dir auftun usw.“.  So ist – salopp ausgedrückt – aus einem Königsgott ein Volksgott entstanden. 

Demokratisierung? 

Man mag darüber spekulieren, weshalb gerade mit dem Ende des Alten Reichs Aufzeichnungen der über den Tod hinaus gehenden jenseitigen Existenz auch für nichtkönigliche Personen so sehr an Bedeutung gewannen. Eine Reihe von Indizien könnten für ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis sprechen: die Architektur der Grabanlagen, die geballte Magie der Sargtexte in körperlicher Nähe des Toten,  das Verstümmeln von Schriftzeichen und schließlich die Verschmelzung mit Osiris. Auf der anderen Seite aber hatte auch das luxuriöse und bequeme Leben im Jenseits seinen Stellenwert, etwa mit der Erschaffung prächtig gemalter Grabausstattungen und der ersten, wenn auch noch spärlich auftretenden, Beigabe von Uschebtis. Die historische Literatur liefert in ihren „Prophezeiungen“ vielleicht Hinweise darauf, dass der Zusammenbruch des Alten Reichs mit Auseinandersetzungen und Chaos einherging. So schildert Ipuwer eine aus den Fugen geratene Welt „Bettler sind zu Herren von Schätzen geworden. Wer sich keine Sandalen machen konnte, ist jetzt begütert… Unheil ist im Lande verbreitet. Blut ist überall…“; von Grabplünderungen, Mord und Totschlag ist die Rede. Das wäre ein Grund für eine besondere Absicherung nach dem Tode. Problematisch an einer solchen Einschätzung allerdings ist, dass nach wie vor umstritten ist, ob derartige „Prophezeiungen“ auf Tatsachen beruhen und aus welcher Zeit diese Texte wirklich stammen. Die Worte des Ipuwer entstammen einer Abschrift aus dem Neuen Reich. So könnte also die Übernahme königlicher Bestattungsrituale durch nichtkönigliche Personen vielleicht gar keine solche gewesen sein, sondern durchaus auch eine „Übergabe“, nämlich ein besonderer Gunstbeweis als Machtdemonstration des Königs. Hinzu kommt, dass aus der Zeit des Mittleren Reichs keine königlichen Totentexte überliefert sind. Analysierende Vergleiche zwischen privaten und königlichen Texten lassen sich demzufolge nicht anstellen. Insofern steht der ohnehin missverständliche Begriff „Demokratisierung“ auf den tönernen Füßen einer zwangsläufig einseitigen Betrachtungsweise.

Gitta Warnemünde

Auswahl der verwendeten Literatur, sofern nicht im Text erwähnt:
D. Arnold „Lexikon der ägyptischen Baukunst“, 2000
H. Bonnet „Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschicht“, 1952
A. Erman „Aegypten und aegyptisches Leben im Altertum“, 1885
M. Fitzenreiter, Dissertation “Statue und Kult – Eine Studie der funerären Praxis an nichtköniglichen Grabanlagen der Residenz im Alten Reich“, 1999
R. Germer “Mumien – Zeugnisse des Pharaonenreiches”, 2001
W. Grajetzki „Burial Customs in Ancient Egypt“, 2003
R. Gundlach „Der Pharao und sein Staat“, 1998
B. Hackländer-von der Way, Dissertation „Biographie und Identität – Studien zur Geschichte, Entwicklung und Soziologie altägyptischer Beamtenbiographien“, 1999/2000
R. Hannig „Großes Handwörterbuch“, 1995
P. Jürgens in: H. Willems „The World of the Coffin Texts“, 1996
P. Jürgens “Grundlinien einer Überlieferungsgeschichte der altägyptischen Sargtexte“
(beides der „Coffin-Texts-Index-Datenbank“  von P. Jürgens entnommen)
S. Quirke „Altägyptische Religion“, 1992
A. Schlott „Schrift und Schreiber im Alten Ägypten“, 1989
Th. Schneider „Lexikon der Pharaonen“
J. Spiegel „Soziale und weltanschauliche Reformbewegungen im Alten Ägypten“, 1950
J.H. Taylor „Death and the Afterlife in Ancient Egypt”, 2001
R.H. Wilkinson „Die Welt der Götter im Alten Ägypten“, 2003
Pyramidentexte nach S.A.B. Mercer, R. Faulkner und nach Originalhandschriften von K. Sethe
Lexikon der Ägyptologie