Das Hohe Tor von Medinet Habu

(erschienen in Kemet 04/05 "Ramses III.")
 
Das Hohe Tor mit seinen drei Stockwerken, heute wie einst Hauptzugang zu Medinet Habu, dem Totentempelkomplex Ramses’ III., ist eines der ungewöhnlichsten
Bauwerke Ägyptens und nach heutigem Stand der Archäologie wohl auch einzigartig. Sein Grundriss ist quadratisch und der Durchgang ost-westlich dem Verlauf der Tempelachse entsprechend ausgerichtet. Beim Durchschreiten in Richtung Tempelinneres erheben sich links und rechts zunächst die beiden so genannten Osttürme mit einer einstigen Höhe von wohl 20 m. Sie sind bis zu einer Höhe von 13 m massiv gebaut. Der Durchgang verläuft weiter über einen links und rechts etwas erweiterten Hof, der sich in Richtung Westen bis zum eigentlichen Tempeltor mehr und mehr verjüngt. Der Gebäudeteil jenseits der beiden Osttürme maß etwa 18 m; ungefähr die gleiche Höhe hatte auch die mächtige innere Umfassungsmauer des Tempels, die an beide Seiten des Hohen Tores angrenzte. Die Mauer war knapp 8 m stark und nur leicht geböscht. Das Errichten eines solchen Bauwerks (der Umfang des Tempelgeländes beträgt weit mehr als 1000 m) war mit Naturstein nicht zu bewältigen. Die Baumeister entschieden sich daher für ein Ziegelmauerwerk. Hingegen besteht die äußere Umfassungsmauer mit einer Höhe von nur gut 5 m aus großen Sandsteinquadern. Dem Hohen Tor vorgelagert sind zwei Wachhäuser, die – ebenfalls aus Sandstein errichtet – mit der äußeren Umfassungsmauer verbunden sind. Beide Wachhäuser und ein Teil der Mauer sind gut erhalten und auch heute noch erkennbar. An den Fronten der beiden Osttürme befinden sich jeweils monumentale Darstellungen des Königs beim obligatorischen „Erschlagen der Feinde“. Die Anbringung ist sehr geschickt gewählt, denn die Motive sind so angebracht, dass sie oberhalb der äußeren Mauer weithin sichtbar sind (nebenstehender Grundriss nach U. Hölscher).

Uvo Hölscher bemerkte bei seinen 1910 publizierten Untersuchungen des Gebäudes erstaunliche Besonderheiten. Der Tordurchgang (Foto links) enthält Merkmale mehrerer optischer Täuschungen. Die sich gegenüberliegenden inneren Schmalseiten der beiden Osttürme verlaufen nicht parallel zueinander, sondern nach Westen hin ganz leicht schräg in Richtung Tempelachse. Die Türme stehen „kulissenartig“, wie Hölscher es nennt, und die inneren Wände erscheinen länger als sie sind. Die Mauern der hinteren (westlichen) Bauteile des Hohen Tores sind für einen Ankömmling von außen gut erkennbar, lassen jedoch den Mauerrücksprung des Hofes nicht erahnen; er bleibt unsichtbar. Die Breite des Ganges erscheint durchgehend gleich. Sollte es jemals erforderlich gewesen sein, hier wäre der ideale Platz, Eindringlinge in eine Falle zu locken.

Ein weiterer architektonischer Winkelzug könnte die Anordnung von je drei sich gegenüberliegenden Gesimsen hoch oben an den beiden seitlichen Innenwänden des Durchganges sein (Foto rechts). Auf den Gesimsplatten sind rundplastisch vier Köpfe von Vertretern der Fremdländern, den Feinden Ägyptens, angebracht und bilden eine Konsole. Der Abstand zwischen den ersten beiden Gesimsen mag jeweils etwa 5 m betragen; zwischen dem zweiten und dritten Gesims liegen etwa 2 m. Das Besondere jedoch ist, dass nicht alle Gesimse auf gleicher Höhe angebracht sind, sondern – von Ost nach West gesehen – leicht absteigend, was den Eindruck der Verlängerung des Durchganges noch verstärkt und alle Gebäudeteile gleich hoch erscheinen lässt. Hölscher vermutet, dass auf den Konsolen Rundplastiken des Königs in der Pose der Feindvernichtung - als Relief kennt man sie hundertfach - gestanden haben. Als Referenz nennt er u.a. eine derartige Statue des Königs Merenptah, die sich im Ägyptischen Museum von Kairo befindet. Bauseitig spricht Einiges für wie auch immer geartete figürliche Darstellungen: auf einigen Konsolen ist noch die Aussparung für eine Statuenbasis zu erkennen, darüber eine Platte mit Königstitulatur, die eventuell den Hintergrund bildete. Die in die Platten eingelassenen Schlitze könnten der Befestigung von Rückenstützen gedient haben. Hölscher merkt aber auch an, dass oberhalb der Konsolen befindliche Fenster von den davor stehenden Figuren teilweise verdeckt worden wären.

Durch das Zusammenspiel aller Aspekte dieser doch sehr eigenartigen Bauweise wirkt das komplette Ensemble des Hohen Tores gewaltiger als es tatsächlich ist und damit vielleicht auch abschreckender für mögliche Eindringlinge. Ob hier eine gewollt raffinierte Gestaltung vorliegt, lässt sich nicht ergründen. Eines muss man jedoch zugeben: Die Anordnung wirkt gut durchdacht und ausgeklügelt und weniger wie ein Zufallsprodukt.

Nicht zu übersehen ist ein gewisser Festungscharakter, der noch unterstrichen wird durch die Zinnenbewehrung, die sowohl das Hohe Tor ziert als auch die äußere Umfassungsmauer und die Wachhäuser – die Krone der inneren Mauer dürfte ähnlich gestaltet gewesen sein. Unwillkürlich erinnert das Bauwerk an ägyptische Festungsanlagen wie Buhen in Nubien oder auch an hethitische Befestigungen. Wir haben es hier aber mit einem Totentempel, einem königlichen Millionenjahrhaus zu tun. Als Grund für eine derart befestigte Anlage, nämlich die massive Bauweise des östlichen Teils, eine Umfassungsmauer von 18 m Höhe und 8 m Stärke und eine raffinierte Architektur des Eingangsbereiches, könnte gelten, dass dunklen Mächten Einhalt geboten werden sollte, damit ihnen der Zutritt zum Tempel verwehrt bliebe. Die Szenen der Feindvernichtung sind nicht zuletzt auch Synonym für die Erhaltung oder Wiederherstellung der kosmischen Weltordnung, für den Sieg Pharaos über das Chaos. Sollte zudem noch das Statuenprogramm dem Vorschlag von Hölscher entsprochen haben, dann erschiene diese Handlung des Königs an einem neuralgischen Punkt des Tempels vervielfacht, um den magischen Wirkungsgrad zu erhöhen. Bei der Außendekoration der Durchgangswände lässt sich ein gewisser Rhythmus, eine Mischung aus Ordnungsmacht und Gottesfurcht erkennen. Sie beginnt unter den ersten Fremdvölkerkonsolen im Osten mit Opferszenen und Gefangenenvorführungen, setzt sich im erweiterten Hof mit reinen Opferszenen fort, geht dann über in Abläufe des Krönungszeremoniells und mündet vor dem eigentlichen Tempeltor wieder mit Gefangenenvorführung und Feindbezwingung. Den Schlussakkord setzen Opferszenen vor Amun-Re, Horus, Seth, Chons und Thot. In die szenische Darstellung der Ordnungsmacht eingebunden finden sich Rechit-Figuren, die nach ägyptischer Lesart für das Volk stehen.

Am westlichen Ende des Tempels befand sich einst ein möglicherweise ähnlich gestaltetes Torbauwerk. Heute findet man an dieser Stelle nur noch verstürzt am Boden liegende Blöcke.

Bei der Betrachtung der zur Schau gestellten Wehrhaftigkeit des Baues (das Foto links zeigt die Ansicht von Südwesten) und der Wanddekoration sollte nicht vergessen werden, in welcher Zeit Ramses III. seinen Tempel errichten ließ. Der Bauabschluss wird mit Jahr 12 seiner Regierungszeit angenommen. Zwischen dem 5. und 11. Jahr fanden die großen Abwehrschlachten gegen die ins Delta vordringenden Seevölker statt und der König ließ diese Ereignisse in epischer Breite an den Mauern seines Totentempels darstellen. Neben der Bedrohung von außen und der damit womöglich einhergehenden Destabilisierung kam es auch zu innenpolitischen Querelen. Ein Streikpapyrus und verschiedene Ostraka berichten über Unruhen innerhalb der Bevölkerung von Deir el-Medina, der Grabarbeitersiedlung in den thebanischen Bergen. Die Aufzeichnungen stammen zwar aus dem 29. Regierungsjahr Ramses’ III., jedoch sollte man vermuten, dass Unzufriedenheit, die nach den zeitgenössischen Berichten zu Arbeitsniederlegungen und Protestmärschen führte, nicht schlagartig auftritt. Insofern wäre es immerhin denkbar, dass die starke Befestigung des Tempels neben religiösen auch ganz weltliche Gründe hatte. Im Papyrus Harris heißt es zum Bau des Millionenjahrhauses Ramses’ III. u.a. „…Ich füllte seine [des Tempels] Schatzkammern mit den Gütern der Ländereien Ägyptens, sowie Gold, Silber und jedwedem kostbaren Gestein zu Hunderttausenden. Seine Scheunen laufen über mit Getreide und Saatgut…“. Trotz der in der Regel zur Übertreibung neigenden Texte: es gab sicher etwas zu holen im Tempel. Nur einige Jahrzehnte später schreckten die Menschen nicht davor zurück, selbst königliche Grabanlagen auszuweiden. Dies berichten die Grabräuberpapyri aus der Zeit Ramses’ IX., des sechsten Nachfolgers Ramses’ III. innerhalb von nur etwa dreißig Jahren.

In einem gewissen Missverhältnis zum Anblick der Ostfassade steht die Innenausstattung der Räume im westlichen Gebäudekomplex (Foto rechts: Westturm), von dem heute nur noch der mittlere, aus Steinquadern errichtete Teil steht; die Anbauten links und rechts dürften in Ziegelbauweise ausgeführt gewesen sein. Die tempelseitige Fassade trägt zwar wiederum Feindvernichtungs- und Opferszenen, die noch sichtbaren Innenwandreste der Räumlichkeiten zeigen allerdings einen ganz anderen Charakter. Es scheint, als seien die Räume vom Vorhof des Tempels aus nicht zugänglich gewesen. Jedenfalls wurde bisher nichts gefunden, was auf eine Treppe oder Ähnliches hindeuten könnte. Man muss deshalb davon ausgehen, dass der Zugang über die Tempelmauer erfolgte. Möglicherweise bestand auch eine Verbindung direkt vom Palast aus, der sich im südlichen Teil des Tempelgeländes befand. Während das zweite Obergeschoss des Hohen Tores mit neun Räumen ausgestattet war, nach Westen hin hufeisenförmig angeordnet, verfügte das erste Obergeschoss über lediglich fünf Räume, die sich alle an der westlichen Seite befanden. Die Fenster müssen mit Läden oder ähnlichen Vorrichtungen versehen gewesen sein, denn die Scharnierlöcher sind noch gut zu erkennen. Die östliche Seite des ersten Obergeschosses war – wie übrigens auch der komplette Bau bis zu dieser Höhe – massiv und ohne Hohlräume gebaut. Ein Erdgeschoss sucht man vergebens.

Die Räume in den beidseitigen Ziegelanbauten waren wenigstens teilweise von Tonnengewölben überspannt. Noch heute sind im Steinmaterial die Anschlussspuren erkennbar. Die Türdurchgänge sind reich verziert: im ersten Obergeschoss findet man mit Hieroglyphen versehene Rahmen mit einer Hohlkehle als oberen Abschluss, im zweiten Obergeschoss sind die Rahmen ebenfalls beschriftet, den oberen Abschluss jedoch bildet ein Halbrund, eine Lünette. Zwei Teile derartiger Lünetten sind heute im ersten Tempelhof ausgestellt (Fotos unten). Außer Königstitulaturen tragen sie keinerlei Inschriften, sondern bildhafte Darstellungen des Königs beim Darreichen der Maat oder im Königsornat und hier möglicherweise vergöttlicht. Das Anch-Zeichen in der Hand lässt darauf schließen.

           

Mehrfach taucht das Zeichen Heh auf, das für eine Million bzw. „unendlich viel“ steht und ikonographisch in enger Verbindung mit dem Thronjubiläum, dem Hebsed, zu sehen ist. Während die Königsnamen in stark versenktem Relief ausgeführt sind, besteht die übrige Dekoration aus allerfeinstem und handwerklich sehr hochwertigem erhabenen Relief. Ein interessantes Detail zeigt sich bei den Maat-Darreichungsszenen: der König überreicht die Göttin sich selbst: einem Rebus, der seinen Thronnamen als User-maat-Re meri Amun wiedergibt. Ein Vorgang, der ebenfalls für eine Vergöttlichung spricht. Der gleiche Rebus ist auf dem zweiten Lünettenbruchstück zwischen den beiden Darstellungen des stehenden Königs wiederzufinden.

Das dritte Obergeschoss des Hohen Tores bestand aus lediglich zwei kleinen Turmräumen, die sich auf den Osttürmen befanden.

Die Nutzung der Räumlichkeiten aller drei Stockwerke ist bis heute nicht eindeutig geklärt und die Innendekoration gab Anlass zu mancherlei Vermutungen. Die reliefierten Darstellungen beschränken sich auf den sitzenden König, der sich anscheinend den Annehmlichkeiten des Lebens hingibt. Ihm werden von Prinzessinnen Stabsträuße (Foto links), Früchte und ähnlicher Luxus überreicht oder er vergnügt sich beim Brettspiel mit einer Prinzessin. Diese Szenen werden gemeinhin als Haremsszenen bezeichnet, zumal alle Beteiligten nackt oder leicht bekleidet erscheinen.

Doch dieser Eindruck könnte trügen. An einigen Stellen der Räume lassen sich mit bloßem Auge Reste von Bemalung erkennen, z.B. an Decken und Fensterstürzen.  Auf der Umzeichnung einer der „Haremsszenen“ sind schwache Spuren auszumachen, aus denen man schließen könnte, dass die Reliefs ebenfalls bemalt waren. Und bei genauem Hinsehen sind in situ leichte Verfärbungen im Stein erkennbar, eventuell Spuren von ehemals aufgebrachter Farbe. Die dort gezeigte Prinzessin wäre dann ebenso bekleidet gewesen wie es auch in Reliefs innerhalb des Tempels der Fall ist. Die Beteiligten würden also erst aufgrund des heutigen Erhaltungszustands der Dekoration den Eindruck erwecken als seien sie nackt.1)

Im Verbund mit den Szenen auf den gut erhaltenen Lünetten könnten die Räume mit dem Thronjubiläum des Königs im Zusammenhang gestanden haben – vielleicht mit einem jenseitigen. Das würde gut mit der vergöttlichten Gestalt des als verstorben anzusehenden Königs korrespondieren. Man könnte sogar Vermutungen anstellen, hier würden Szenen gezeigt, die denen der tatsächlichen Festlichkeiten anlässlich eines Thronjubiläums entsprechen. Derartige Gedanken wären jedoch ganz und gar spekulativ und durch nichts zu belegen.

Gitta Warnemünde

 
1) Den Hinweis auf Reliefbemalung und diesbezügliche Details verdanke ich Frau Brigitte Michallik und Frau Elke Noppes M.A., beide Philipps-Universität Marburg

Verwendete Literatur:
Arnold, D. – Lexikon der ägyptischen Baukunst – 2000
Gutgesell, M. – Arbeiter und Pharaonen – 1989
Hölscher, U. – Das Hohe Tor von Medinet Habu – 1910
Klengel, E. und H., - Die Hethiter – 1975
Oriental Institute Chicago, The Epigraphic Survey, Medinet Habu Vo. VIII
Schneider, Th. – Lexikon der Pharaonen - 1996
Ullmann, M. – Häuser für Millionen von Jahren – 2002
Wilkinson, R.H. – The Complete Temples of Ancient Egypt – 2000
Lexikon der Ägyptologie