Enthusiasmus in der Steppe

 
von Wil Tondok
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors

 
Der Gekko, der an der weißgetünchten Wand lauert und sich blitzartig auf eine Fliege stürzt, läßt vorsichtshalber das Blechdach über unseren Köpfen aus – ihm dürfte es zu glatt sein, mir ist es zu häßlich, wenn ich von meiner Pritsche den Blick nach oben schweifen lasse. Aber auch die kahlen, von einer Neon-Sparlampe erhellten Wände unterstreichen eher den Eindruck einer Gefängniszelle als den vom Arbeits- und Schlafraum hochspezialisierter und noch höher motivierter Wissenschaftler. 

Wir sind eingeladen, etwa drei Autostunden von Khartoum  entfernt in Naga im Nordsudan bei einem Grabungsprojekt des Berliner Ägyptischen Museums drei Tage mit der Grabungsmannschaft zu verbringen. Hier bemühen sich Archäologen und Restauratoren jährlich von Januar bis April, einen seit über 2000 Jahren im Wüstensand versunkenen Tempel einer ehemals ausgedehnten Stadt der meroitischen Kultur – die vom 3. Jhd vor bis zum 4. Jhd. nach Chr. Nubien beherrschte - auszugraben und aus dem freigelegten Stein-Puzzle das Bauwerk so gut es geht wieder zusammenzufügen.

Hatten die Ausgräber bei Beginn der Kampagne 1994 und 1995 noch in Zelten unter allereinfachsten Bedingungen gehaust, so machte eine großzügige Spende der Westdeutschen Gipswerke den Umzug in einen neu erstellten Gebäudekomplex möglich. Hier bietet sich den Frauen und Männern ungleich mehr Komfort als zuvor im Zeltlager. Aber was heißt Komfort: In unserem Zimmer zum Beispiel finden zwischen den gekalkten Wänden gerade mal zwei einfache, mit nacktem Schaumgummi belegte Bettgestelle, eine aus einer Transportkiste gewonnene Schreibplatte und ein umgestülpter Karton als eine Art Nachttisch Platz. Grob in die Wand gehauene Nägel dienen mangels Schrank zum Aufhängen der auf ein Minimum an Auswahl reduzierten Kleidung. Über der Schreibplatte hängt ein Stück Karton als Pinwand, aus der eine Schneelandschaft förmlich heraussticht - ein paarmal sind wir versucht, die perfide Herausforderung wegzureißen, wenn die Quecksilbersäule 40°  erreicht.

Solarpanels auf dem Dach sorgen für eine eher minimale Versorgung mit Elektrizität, die in jeder der Wissenschaftler-Zellen Neonsparlampen aufleuchten läßt. Wasser kommt hier nicht aus der Leitung, sondern muß aus dem nächstgelegenen Markstädtchen per Tankwagen auf der ausgefahrenen Piste herangeschaukelt werden. Im Grabungshaus wird es dann in einen großen, etwa eine Woche reichenden Tank gefüllt. Zum Trinken aufzubereitendes Wasser läuft zusätzlich durch einen Filter, aber in diesen muß es erst einmal gefüllt werden, wie jeder Tropfen Nutzwasser, der aus Kanistern in den Kochtopf oder die Abspülschüssel geschüttet wird.

Den höchsten Grad an Komfort jedoch bietet eine richtige Dusche, die aus einem ehemaligen Benzinfaß auf dem Dach gespeist wird. Wer sich morgens unter den Brausekopf stellt, wacht schlagartig endgültig auf, denn der kalte Nachtwind sorgt für äußerst frische Temperaturen im Tank. Das ablaufende Duschwasser rinnt auf dem rauhen Zementboden in eine Ecke und durch ein Loch in der Wand in den Wüstenboden. Die beiden Toilettenkabinen nebenan könnten ebenfalls kaum einfacher gebaut sein. Im engen, nach oben offenen Raum klafft ein etwa faustdickes Loch im Boden, das dem Benutzer einige Zielgenauigkeit abfordert, zwei im Zement abgebildete Fußtritte markieren in etwa die Ausgangsstellung. Obwohl die Geruchsbelästigung aus der Versitzgrube erstaunlich gering ist, erzwingen schwarze Fliegenscharen, den Aufenthalt so kurz wie möglich zu gestalten.

Die Grabungsleiterin hat uns mit Decken versorgt, die normalerweise der Speditionsfirma als Schutz zum Einwickeln empfindlicher Oberflächen dienen. Hier aber erfüllen sie ungeahnten Mehrzwecknutzen: Einmal als Überzug über die nackte Schaumstoffmatratze, zum anderen - dreifach übereinandergelegt - als Schutz in den kühlen Wüstennächten. Dann funkeln Milliarden von Sternen von einem unglaublich glasklaren Himmel herab, der sich wie eine illuminierte Halbschale über die Wüste wölbt und ohne Dunst, ja ohne Übergang  direkt in den Wüstensand eintaucht.

Doch die Tage in Naga sind angefüllt mit schweißtreibender Arbeit. Geweckt wird um 7 Uhr, nach einem schnellen Frühstück und einer Tasse Tee eilt man zum Arbeitsplatz im Sand. Um 11 Uhr folgt eine knapp einstündige Pause mit einem ausgiebigeren Frühstück, danach wird ungeachtet der brüllenden Mittagshitze bis 15 Uhr durchgearbeitet. Für die derzeit sieben europäischen Archäologen und Restauratoren beginnt dann zwar der Feierabend auf der Grabungsstelle, aber der Rest des Tages ist meist mit Dokumentation oder Arbeiten angefüllt, für die man Ruhe braucht. 

Die Grabungsleiterin stellt sich nach kurzer Erholungspause in die Küche, um aus dem Angebot des lokalen Marktes etwas Stärkendes und Schmackhaftes zu kochen. Nun muß man wissen, daß Naga eineinhalb Autostunden vom nächsten Markt entfernt liegt, und daß eine Stunde davon mühselig über eine ausgefahrene, Staubfahnen aufwirbelnde Piste zurückzulegen sind. Da darf auf dem Einkaufszettel nichts vergessen werden, wenn am arbeitsfreien Freitag die Vorräte aufzufüllen sind. Allerdings ist dieser Markt gerademal  gut für Obst und Gemüse, Fleisch kann nur aus Khartoum mitgebracht werden, wenn dort ohnehin zu tun ist.

Außer am muslimischen freitäglichen Feiertag ist 15 Uhr der Zeitpunkt, auf den die etwa 30 lokalen Handlanger hinarbeiten. Dann machen sie sich auf den Heimweg, die bessergestellten per Esel, die meisten jedoch zu Fuß. Die knapp 3 Mark Tageslohn sind in dieser Umgebung so attraktiv,  daß viele von ihnen bis zu zwei Stunden weit wandern, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen. Die Halbnomaden leben in der umliegenden, kargen Steppenlandschaft – nahezu von nichts. Sie weiden ein paar Kamele, Ziegen oder Schafe. Das Wasser für Mensch und Tier muß aus meist weit entfernten Tiefbrunnen geholt werden, an denen nach altem Rhythmus reihum jede Familie Lederbälge füllt und die eigene, meist mitgebrachte Herde direkt am Brunnen tränkt. Trinkwasser wird vom trüben Tränkwasser abgezweigt und von Bessergestellten im Plastikkanister anstelle der Tierhaut zur heimischen Hütte geschafft. Diese Hütten bestehen aus Schilfrohrgeflecht, das mit dornigen Arkazien überdeckt ist. Der zeltgroße Wohnbereich wird mit Tüchern oder Plastikplanen gegen Sonne, Wind und die Blicke Fremder geschützt.

Jeweils am Donnerstagnachmittag ist Zahltag. Die Grabungsleiterin muß ihren ausnahmslos analphabetischen Helfern klarmachen, daß sie ihren gerechten Lohn erhalten. Im Beisein von zwei Zeugen wird der jeweilige Betrag vorgezählt, einem der Zeugen zum Nachzählen überreicht und dann dem Empfänger in die Hand gedrückt. Für viele der Männer gehören die bunten Scheine zu den ersten oder ganz seltenen, mit denen sie in ihrem Leben zu tun hatten. Denn hier tauscht man die lebensnotwendigen Waren eher gegen Naturalien als gegen Geld.

Und wenn im April die Hitze die Grabungsarbeiten endgültig zum Stillstand zwingt, bedrängen die fleißigen, stets fröhlichen Männer die Grabungsleiterin, sie im nächsten Jahr unbedingt wieder einzustellen



Wil Tondok betreibt den TONDOK Verlag, München, spezialisiert auf Reiseführer für Ägypten, Israel, Jordanien und - die fünf neuen Länder im Osten Deutschlands. Wer Reisebegleiter der etwas anderen Art mit Sinn für das Individuelle sucht, ist dort an der richtigen Adresse.