Nicholas Reeves

Echnaton – Ägyptens falscher Prophet

erschienen 2002
aus dem Englischen von Brigitte Jaroš-Deckert
Verlag Philip von Zabern (Kulturgeschichte der antiken Welt, Band 91)
238 Seiten
ISBN 3-8053-2828-1
EUR 28,00

Nicholas Reeves, B.A., Ph.D., studierte Alte Geschichte am University College London und Ägyptologie an der University of Durham. Er ist Leiter des Amarna Royal Tombs Project im Tal der Könige und Kurator am Eton College für Ägyptische und Klassische Kunst. Zuvor war er u.a. mehrere Jahre Kurator am Britischen Museum.

Seit 1998 unternimmt das unter der Leitung von Reeves stehende Amarna Royal Tombs Project jährliche Grabungskampagnen am Grab Nr. 55 (KV55) im Tal der Könige.

Das erste Kapitel seines Buches widmet der Autor der Entdeckung von el-Amarna, dem Achetaton Echnatons, von Claude Sicard, der 1714 die erste Grenzstele am gegenüberliegenden westlichen Nilufer entdeckte, bis zu den Publikationen von Geoffrey T. Martin in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. In Verbindung mit den Grabungen der Deutschen Orientgesellschaft unter Ludwig Borchardt findet auch die berühmte in Berlin befindliche Büste der „einäugigen“ Nofretete Erwähnung, wobei Reeves davon ausgeht, dass ursprünglich beide Augen eingelegt waren. Nach Meinung anderer Wissenschaftler (Antes, Wildung) war dies wohl nicht der Fall. Für Reeves ergibt sich durch seine Lesart jedoch die amüsante Parallele zu dem in den 30er Jahren in Amarna tätigen Ägyptologen Pendlebury, dessen Glasauge sich bei der Arbeit gelegentlich selbstständig machte, indem es herausfiel.

In Kapitel zwei wird der Versuch unternommen, ein Fundament für die religiösen Umwälzungen der späten 18. Dynastie freizulegen. Reeves schlägt seinen Bogen von den Gründern der Dynastie, den Ahmosiden, über die Tuthmosiden. Hier verbeißt er sich in der Inthronisation Hatschepsuts, die nach seiner Meinung nur durch eine Verschwörung von hohen Würdenträgern im Verein mit der Amun-Priesterschaft ermöglicht wurde, allen voran Hapusenub, Hohepriester des Amun und Wesir. Ein Resultat dieser schändlichen Machenschaften sei auch, dass Thutmosis III., Mitregent und Nachfolger Hatschepsuts, vorsichtshalber keine seiner Gemahlinnen in den Stand der „Großen Königsgemahlin“ erhob, will sagen, den übermächtigen Priestern des Amun sollte keine Gelegenheit gegeben werden, ihren Staatsstreich zu wiederholen. Reeves' Urteil über diesen Abschnitt der Geschichte gipfelt in der Aussage, Thutmosis III. habe sich erst im 51. Jahr seiner Regierungszeit nach der Ernennung seines Sohnes zum Nachfolger im eigenen Land so sicher gefühlt, „um Rache am Gedächtnis seiner verhaßten Stiefmutter zu nehmen“. Diese Aussage ist meines Erachtens unhaltbar. Und so bleibt der Autor denn auch für den Komplex des Buches, der sich mit dem Zeitraum bis zur unmittelbaren Vor-Amarnazeit befaßt, jeglichen Beleg schuldig. Zudem befinden sich in diesem Buchabschnitt erhebliche handwerkliche Mängel in Übersetzung und Lektorat. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, als sei hier ein anderer Autor oder Übersetzer am Werk gewesen. Der Stil ist unwissenschaftlich und einige Sätze sind wirr und unverständlich.

Danach beginnt mit der Regierungszeit Amenophis' III., Vater des Echnaton, die eigentliche Titelgeschichte. Hier ändert sich der Stil und Reeves arbeitet den Aufstieg des Sonnenkultes heraus und geizt auch nicht mit Belegen. Es wird dargelegt, wie durch die allgemeine Anerkennung des aus Amun und Re verschmolzenen Amun-Re die Sonnengottheit an Bedeutung gewann. Bereits Amenophis III. hob in diesem Zusammenhang die Stellung von Aton, obwohl er sich mit Bauprogramm und Stiftungen in nobelster Weise auch um Amun verdient machte. Hier hinkt dann auch ein wenig die oben erwähnte Theorie, die Angst vor einem Staatsstreich der Priesterschaft à la Hatschepsut habe den Grundstein für die spätere Entgleisung Echnatons gelegt: Amenophis III. zelebrierte wie Hatschepsut die göttliche Zeugung durch Amun, restaurierte ihre Bauten am Luxor-Tempel (und baute den Tempel großzügig aus) und übernahm willig die Tradition des Opet-Festes.

Reeves nimmt sich in der Beschreibung und Aufarbeitung der Amarnazeit auch der Tatsache an, dass durch die Große Königsgemahlin von Amenophis III. - Teje - noch andere Einflüsse für die veränderte Ausrichtung von Religion und Macht eine Rolle gespielt haben könnten, nämlich deren Familie nichtköniglicher Herkunft, die auch später unter Echnaton mit dem Herrscherhaus eng verzahnt blieb. Eine Verbindung dieser familiären Machtansprüche mit dem Aufstieg von Aton ist nach den Darlegungen von Reeves nicht von der Hand zu weisen.

Zu Echnaton selbst: den Auszug aus Theben und die Gründung einer neuen Hauptstadt sieht Reeves als Vorsichtsmaßnahme und zieht - neben Parallelen aus der japanischen Geschichte - zum Vergleich Amenemhet I. heran, der sich in Theben und Memphis nicht mehr sicher gefühlt habe  und so kurzerhand eine neue Hauptstadt gründete, Itj-tauj. Nach Reeves könnten bei Echnaton ähnliche Beweggründe eine Rolle gespielt haben. Zur Stadt Achetaton selbst erhält der Leser sehr detailliert Auskunft sowohl über die Topografie als auch über die Nekropolen. Das Buch enthält eine ganze Liste von Namen und Titeln der Personen, für die Gräber hergerichtet worden waren – ein gutes Nachschlagewerk. Die Beweggründe für die Ausrichtung der Religion zu Aton als reine Sonne sieht Reeves allerdings sehr nüchtern. Nach seiner Ansicht hatte Echnaton keineswegs die Absicht, Aton zum Reichsgott zu erheben, sondern einzig und allein sich selbst, installierte also ein Regime – nach Reeves' Worten eine Terrorregime - mit sich selbst als Oberhaupt und Gott. Er wollte die reine Ordnung (Ma'at) der frühen Dynastien wieder herstellen, als die Könige noch als Götter fungierten, ehe dann dieser Anspruch nicht mehr zu halten war und sie sich schließlich zum Sohn des Re auf Erden, zum lebenden Horus „degradierten“. Die von Reeves angeführten Indizien könnten durchaus in diese Richtung weisen. An dieser Stelle wird nun auch der Untertitel des Buches „der falsche Prophet“ verständlich.

Schließlich – wie sollte es anders sein – versucht Reeves wiederum seine Theorie zu beweisen, der Nachfolger Echnatons, Semenchkare, sei niemand anderes als die zunächst zur Mitregentin erhobene Große Königsgemahlin Nofretete. Die Beweisführung anhand von Darstellungen, Namensformen und Stelen mit leeren Kartuschen ist hinreichend bekannt. Neu war für mich die Behauptung, dass Ober- und Unterteil der zusammengesetzten, in der Mitte ergänzten Uschebtifigur, die der Nofretete zugeordnet wird (ob als Grabbeigabe sei dahingestellt), nun doch nicht von ein und derselben Figur stammen sollen. Auch zur sogenannten Dahamunzu-Affäre äussert sich Reeves. Nach seiner Ansicht kann es sich nur um Nofretete handeln und keinesfalls um Anchesenamun, die wegen des vermutlichen Todeszeitpunktes des Tutanchamun ausscheide, der nicht mit dem Zeitablauf des einschlägigen Briefwechsels in Einklang zu bringen sei. Die Begründung ist nachvollziehbar. Reeves versteigt sich dann allerdings ein wenig, wenn er die Möglichkeit in Erwägung zieht, die als Verräterin entlarvte Nofretete sei Ursache für späteren Fremdenhaß bis hin zum biblischen Exodus. Auch zur Todesursache des Tutanchamun werden wiederum wilde Spekulationen zu Papier gebracht. Leider macht Reeves ohnehin hier und da den Fehler, ohne Not Nährboden für Spekulationen zu schaffen: so zum Beispiel bei der Behandlung des umfangreichen Harims Amenophis' III. auf mögliche Homosexualität des Königs, indem er in einen Satz zur belegten Vorliebe für das weibliche Geschlecht den Klammersatz einfügt „falls er diese auch für das männliche hatte, wissen wir nichts darüber“.

Wohl in der Gewissheit, mit dem Buch Kontroversen auszulösen, übernimmt Reeves am Ende ausdrücklich die persönliche Verantwortung für die aufgestellten Thesen und bedauert auch, dass er neuere Untersuchungen nicht mehr mit berücksichtigen konnte. Das halte ich auch für sehr bedauerlich, denn gerade die bei der neuerlichen intensiven Untersuchung des „Goldsarges aus KV55“ gewonnen Erkenntnisse wären es wert gewesen, verarbeitet zu werden. Allerdings ignoriert Reeves auch schon länger bekannte wissenschaftliche Erkenntnisse, wenn er zum Beispiel nach wie vor davon ausgeht, bei der Mumie aus KV55 handele es sich um Echnaton selbst. Nach der letzten Untersuchung durch J. Filer in 2000 haben sich auch Skeptiker überzeugen lassen, dass das Alter des Verstorbenen den Rückschluß auf Echnaton nicht zuläßt.

Als Fazit gehört „Echnaton – Ägyptens falscher Prophet“ mit Sicherheit zum Pflichtprogramm eines jeden ordentlichen Amarna-Fans. Ich würde allerdings jedem Leser raten, sich mit Vergleichslektüre auszustaffieren, um einzelne Aussagen auch noch aus anderen Blickwinkeln betrachten zu können.