Naga - Sudan -Tag
27.07.2003
Naga-Projekt des Ägyptischen Museums Berlin



In guter alter Tradition wurde auch in diesem Jahr wieder der Sudan-Tag in der Remise des Ägyptischen Museums in Berlin-Charlottenburg begangen. Der Tag war gut gewählt, denn irgendeine für das Wetter zuständige Gottheit suggerierte ägyptisch-sudanesisches Klima (hatte Seth seine Hand im Spiel?), was dazu führte, dass im Vortragssaal alle möglichen Gegenstände zu Fächern umfunktioniert wurden.


Das Saal füllt sich

Begrüßung der Honoratioren 
Small Talk am Rande

Zunächst begrüßte Herr Prof. Dr. Dietrich Wildung als Hausherr und Gastgeber die Besucher. Allerhand Wissenschaftsprominenz hatte diesmal den Weg ins Museum gefunden. Ohne Gewähr auf Vollständigkeit sind zu nennen:  Prof. Dr. Walter Trillmich, DAI, Prof. Dr. Frank Kammerzell und Dr. Pawel Wolf, beide Humboldt-Universität, Prof. Dr. Lech Krzyzaniak, Archäologisches Museum Posen. Dieser glückliche Umstand war nicht zuletzt einer bevorstehenden Rettungskampagne im Sudan zu verdanken. Innerhalb der nächsten Jahre wird ein Staudammprojekt eine ganze Reihe von Kulturgütern in den Fluten versinken lassen. Viele Institutionen haben sich bereit erklärt, an deren Rettung oder zumindest deren wissenschaftlicher Untersuchung und Dokumentation mitzuwirken.









Grußwort von S.E. Ahmed Gaafar Abdelkarim
Botschafter der Republik Sudan in der Bundesrepublik.

Zur Überraschung und Freude Aller wechselte der Botschafter
am Schluss seiner in englischer Sprache gehaltenen Rede
in ein wunderbares, beinahe akzentfreies Deutsch.



Vortrag von Salah Mohamed Ahmed
Merowe Dam Project
The International Rescue Campaign at the Fourth Cataract


Seit 60 Jahren ist ein Bauprojekt im Gespräch, den sudanesischen Nil durch einen Damm in Höhe der Insel Merowe zu stauen. Lange konnte das Projekt nicht realisiert werden, nun jedoch hat der Damm erste Priorität bekommen und die Bauarbeiten laufen mit Hochdruck an. Im August des Jahres 2007 werden 170 km Uferland entlang des Nil überflutet werden. Man schätzt, dass dadurch ca. 1000 archäologische Stätten, sowohl prähistorische als auch spätere, untergehen werden. Aber nicht nur das. Durch das steigende Grundwasser werden auch Orte gefährdet sein, die sich nicht in unmittelbarer Nähe des Flusses befinden. Bereits durch die begonnenen Bauarbeiten gab es eine Reihe von Zerstörungen durch das Ziehen von Telefonleitungen, Pipelines, Schienensträngen. Glücklicherweise konnte ein großer Teil der archäologischen Stätten gesichert werden, bevor sie wegen der Bauarbeiten beschädigt oder zerstört wurden. 48.000 Menschen werden ihre Heimat verlieren und müssen umgesiedelt werden.

Bei den emsig durchgeführten wissenschaftlichen Rettungsarbeiten konnten am 4. Katarakt das Fundament einer Pyramide und diverse Gräber ausgemacht werden.
Zur Rettung der unersetzlichen Zeugnisse einer großen Vergangenheit haben sich internationale Wissenschaftler bereit erklärt, sich hier ebenfalls zu engagieren.

Nach seinem Vortrag fragte ich Herrn Dr. Ahmed, wie man sich diese Rettungsaktion vorstellen müsse, denn eine ähnlich spektakuläre Kampagne wie in den 60er Jahren in Ägypten sei doch nicht zu erwarten. Er bestätigte dies. Lediglich einige Steinmonumente wie möglicherweise das neu entdeckte Pyramidenfundament würden vielleicht abgetragen. Ansonsten handele es sich zumeist um Gräber und Bauwerke aus vergänglichem Material. Man würde die bei den Grabungsmissionen aufgefundenen Artefakte  selbstverständlich an geeigneten Orten, z.B. Museen und Instituten, unterbringen. Ansonsten seien es in der Hauptsache Dokumentations- arbeiten, die durchgeführt würden.


Karla Kroeper
Off-road und aus der Luft

Zunächst berichtete Frau Dr. Kroeper  über eine  Sudan-Exkursion, die sie zusammen mit Mitgliedern des Museums-Fördervereins durchgeführt hatte. Die gezeigten Dias ließen erahnen, dass es sich dabei keineswegs um eine normale Touristengruppe, sondern doch eher um geschichtsbewusste Reisende handelte, die auch so manches Abenteuer, das einem unter den gegebenen Umständen zwangsläufig wiederfährt, nicht scheuten.

Der zweite Teil des Vortrages von Frau Dr. Kroeper befasste sich mit den Arbeiten in Naga. So war zu erfahren, dass man mit allen möglichen und unmöglichen Hilfsmitteln versucht hatte, ordentliche Luftaufnahmen vom Grabungsgelände zu erhalten. Das ging vom unbemannten und bemannten Drachenflug bis zur Nutzung von Kleinflugzeugen, die eigentlich in der Landwirtschaft ihre Bestimmung hatten. Trotz der widrigen Umstände z.B. mit ständig wechselnden Winden kamen sehr schöne und aufschlussreiche Aufnahmen zustande. Die Arbeiten am Amun-Tempel in Naga sind so gut wie abgeschlossen. Die letzte Kampagne diente im Prinzip nur noch der Dokumentation und Kartografie, um eine umfangreiche Publikation anfertigen zu können. Wie vorher bereits Herr Professor Wildung, so wies auch Frau Dr. Kroeper noch einmal darauf hin, dass die Historie des Sudan auch im eigenen Lande zunehmend an Bedeutung gewinnt - auch abzulesen an einem Spontan-Besuch des sudanesischen Staatspräsidenten auf der Grabung, der sich an allen gewonnenen Erkenntnissen hochinteressiert zeigte.



Pause! Zeit, um sich die Beine zu vertreten, den Flüssigkeitsbedarf zu decken und (heisse) Luft zu schnappen

Jan Hamann, Team Restaurierung am Oberbaum
Wiederaufbau des Hypostyls im Amun-Tempel in Naga


Während der Kampagne sollten zwei der umgestürzten Säulen im Hypostyl des Amun-Tempels wieder aufgerichtet werden. Der Aufbau musste auch aus Erhaltungsgründen schnell erfolgen, da die am Boden liegenden Teile der Erosion ausgesetzt sind und somit mehr und mehr zerstört werden.

Um diese Arbeiten durchführen zu können war es erforderlich, 500 kg Equipment nach Naga zu schaffen: Maschinen, Schweißgeräte, eine komplette Werkstatt, um vor Ort Werkzeuge herstellen zu können. Es hieß, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein.

Da eine der Säulenbasen bereits sehr angegriffen war, entschloss man sich, eine neue Basis herzustellen.
Was lag näher, als sich das Material vor Ort zu beschaffen, vom Gebel Naga, wobei die antiken Steinbrüche nicht angetastet wurden. Mit Ausnahme einiger moderner Werkzeuge geschah der Bruch des Sandsteins wie in alter Zeit.





Der passende Stein ist gefunden....
gebrochen....
und wird mit Muskelkraft abtransportiert
Stein auf Stein, Trommel auf Trommel....
wird die Säule aufgerichtet und....

der Tempel ist wieder ein wenig kompletter

Was diese wenigen Fotos nicht verraten, ist z.B. der dreistündige Transport des bereits vor Ort in vorläufige Form gebrachten Brockens mit immerhin noch 1 to Gewicht mit Hilfe eines Schlittens, oder die mühselige und langwierige Steinmetzarbeit, die aus einem Felsbrocken erst eine Säulenbasis werden ließ - übrigens mit tatkräftiger Hilfe einheimischer Handwerker - und die vielen anderen Dinge, die Jan Hamann in seinem Vortrag sicherlich noch ausgelassen hat.

Dietrich Wildung
Vielfalt der Stile
Die Statuen aus dem Amun-Tempel in Naga

Auch Herr Professor Wildung ging noch einmal auf die Arbeiten im Amun-Tempel von Naga ein und sprach von der Idee, das Areal als Naga Archäologie-Park zu erhalten. Der Park wird keine große Touristenströme anziehen, jedoch werden sich Besucher dem Reiz dieses stillen Ortes sicher nicht entziehen können. Als Besonderheit gilt hier, dass es keinerlei Restaurierungen im herkömmlichen Sinne geben wird, sondern dass im Laufe der Jahrhunderte eingestürzte Teile wieder aufgerichtet und an ihren ursprünglichen Platz verbracht werden. Moderne Ergänzungen wird es nicht geben. So wird auch eine schief stehende Säule, die nach früheren Plänen begradigt werden sollte, nunmehr so belassen. Eine Untersuchung der Statik ergab die Standfestigkeit dieser Säule. Obwohl keinerlei Ergänzungen vorgenommen wurden, gewinnt man allein durch die Wiederaufrichtung und korrekte Anordnung der vorgefundenen Blöcke und Einzelteile einen komplexen Eindruck von der einstigen Monumentalität des Tempels.

Bei den Ausgrabungen am Tempel wurde eine Reihe von Königsfiguren freigelegt, von denen einige heute vor dem Museum von Khartoum ihren Platz gefunden haben. Zwischen den Beinen der Könige ist eine kleine Widderdarstellung direkt aus dem Stein herausmodelliert worden. Aber es gab noch viele weitere Funde, z.B. einen Würfelhocker mit Abschabungen. Es ist noch nicht exakt ergründet, welchem Zweck diese Abschabungen dienten. Anzunehmen ist jedoch, dass dem dabei gewonnenen pulverisierten Material heilende Kräfte zugesprochen wurden. Durch die Vermischung unterschiedlichster Stile an den Kunstwerken aus dem nördlichen Sudan ist eine Datierung zumeist äusserst schwierig. Aber die Grabungs- und Wiederherstellungsarbeiten am Amun-Tempel könnten das Ihre dazu beitragen. Der Tempel ist eindeutig datierbar und kann mit seinen stilistischen Merkmalen für das eine oder andere Stück zur vergleichenden Analyse herangezogen werden.

Durch den Fund eines reliefierten Architravteils im früher so betitelten "römischen Kiosk", das eindeutig eine Hathor mit Kuhohren zeigt, wird das Bauwerk jetzt als Hathor-Kapelle gehandelt, die aufgrund ihrer Lage wahrscheinlich in Beziehung zum Amun-Tempel gestanden hat und demzufolge umdatiert werden muss von ca. 400 n.Chr. auf die Zeitenwende. Es wurden auch kursive meroitische Schriftzeichen gefunden mit Nennung der "Mut". Möglicherweise handelt es sich hier sogar um ein Mammisi. Bauforscher des DAI werden sich hinsichtlich Stil und Technik der Kapelle annehmen.

Thomas Lucker, Team Restaurierung am Oberbaum
Der "Römische Kiosk" in Naga
Projektstudie für 2004

Auch am "römischen Kiosk" sollen keine großen Veränderungen vorgenommen werden, um die Stimmung des Gesamtkomplexes zu erhalten. Wegen der Einsturzgefahr können auch keine umfangreichen Grabungen vorgenommen werden; überall zeigen sich Risse. So wie sich die Beschädigungen heute darstellen, ist das Bauwerk mutwillig zerstört worden. Trotzdem sind Sicherungsarbeiten durchzuführen, die wahrscheinlich ein Abtragen des oberen Teils ab Fensteroberkante erforderlich machen. So kann untersucht werden, ob z.B. Verbindungsglieder (Schwalbenschwänze) noch vorhanden sind oder ergänzt werden müssen. Man hat sich jedoch entschlossen, die Dachkonstruktion nicht wieder herzustellen. Lediglich aus statischen Gründen notwendige Ergänzungen werden durch Natursteine des Gebel Naga vorgenommen werden.

Sogar die horizontalen Verschiebungen im Mauerwerk sollen eventuell erhalten bleiben. Für all diese Arbeiten wird vor Ort eine Restaurierungswerkstatt eingerichtet werden und auch eine Steinbearbeitungswerkstatt, wo einheimische Handwerker angelernt werden sollen. Für die völlige Wiederherstellung kann ein Zeitraum von 6 bis 8 Jahren angenommen werden. Die Kosten dürften bei 200 T€ liegen.




Wie man mit modernen Hilfsmitteln das Abtragen simulieren könnte, wurde an Hand einer Studie präsentiert, die auf der Bausubstanz des Kalabscha-Tores basiert:





T. Körschner Gedenk-Vorlesung
Charles Bonnet
Le Miracle de Kerma
La decouverte de la cachette des statues royales
("Das Wunder von Kerma" mit Simultanübersetzung von D. Wildung)

Seit 34 Jahren ist Charles Bonnet im Sudan tätig. Sein erster Einsatz war eine Notgrabung, weil eine Bewohnerin des modernen Ortes Kerma sich über "Geister unter ihrem Haus" beklagt hatte. Zum Vorschein kam schließlich das Grab eines der letzten Könige von Kerma.

Es gehört zu den großen Problemen der Grabungen in Kerma, dass sich die historischen Stätten (besiedelt etwa 2500 v.Chr. bis 1500 v.Chr.) größtenteils unter der modernen Stadt befinden.
 
Bonnet stieß bei seinen langjährigen Grabungen sogar auf Talatatblöcke. Ein Hinweis darauf, dass in Kerma einst ein Tempel des Echnaton gestanden haben muss. Auch Gründungsgaben von Thutmosis IV. und Amenophis II. waren unter den Funden.

Die Residenz des Königs war ein riesiges rundes Gelände, das wahrscheinlich an eine Rundhütte erinnern sollte. Von der Residenz führte eine breite Straße zum Tempel. Und in eben diesem Tempel wurde das Team auf eine ungewöhnliche Ansammlung von Blattgoldresten in Sand aufmerksam. Vorsichtige Grabungen brachten schließlich das Statuenversteck zum Vorschein. Sieben Granitstatuen waren in einer Grube im Boden begraben worden, Statuen der "schwarzen Pharaonen" Taharka, Tanwatami, Atlanersa, Senkamanisken, Anlamani und Aspelta. Teilweise waren noch Einlagen aus Lapislazuli und Glas erkennbar (rechts ein Foto der Grube - von oben gesehen).

Die Statuen waren zerschlagen. Zuoberst lagen Körper und Gliedmaßen, darunter die Köpfe, und es war eine ausserordentliche schwierigen Arbeit, Teile zu bergen, ohne andere dabei zu beschädigen. Schließlich ist es Bonnets Team jedoch gelungen. Alle Bruchstücke befanden sich in der Grube, so dass es keine Schwierigkeiten bereitet, die Satuten wieder zu vervollständigen. Bereits von 90 Jahren hatte George Reisner ein ähnliches Versteck am Gebel Barkal gefunden.

Nun wird vermutet, dass Psammetich II. einen Rachefeldzug nach Nubien führte, um gegen die von den Ägyptern nicht gerade hochgeschätzten "Sandfresser" vorzugehen. Wahrscheinlich war ihm in guter Erinnerung, dass die Kuschiten einst die Dreistigkeit besessen hatten, sich den ägyptischen Thron anzueignen. Möglicherweise aus diesem Grunde ließ er die Abbilder dieser Herrscher zerstören. Nach ägyptischem Glauben waren sie damit dem Vergessen anheim gegeben.

Nach Abzug der ägyptischen Militärs waren es dann möglicherweise Priester, die ihre Könige im Tempel ehrenvoll bestatteten. Durch diese Handlung der Pietät sind sie schließlich erhalten geblieben, um nach 2500 Jahren wieder ans Tageslicht gebracht zu werden.

Die Statuen werden - nachdem sie restauriert worden sind - nicht ins Nationalmuseum nach Khartoum verbracht, sondern sollen in einem Museum in Kerma zur Ausstellung gelangen.

Text und Fotos: Gitta Warnemünde